40 Jahre Stichprobeninventur – „Das war damals ein Trend, wie heute Industrie 4.0 oder Agilität“

von Franziska Inkmann

Am 01.01.1977 wurde die Stichprobeninventur als Inventurerleichterung im HGB verankert und bietet seitdem eine gesetzeskonforme Alternative zur Vollinventur.

Den 40. Geburtstag des Stichprobeninventurgesetzes nehme ich zum Anlass, die Entstehung und Entwicklung eines Softwaresystems für die Stichprobeninventur gemeinsam mit Professor Dr. Dr. h. c. mult. Hans-Jürgen Zimmermann (Unternehmensgründer und heute wissenschaftlicher Beirat von INFORM) und Christian Günther (Leiter Geschäftsfeld Stichprobeninventur) Revue passieren zu lassen und einen Ausblick in die Zukunft der Inventur zu werfen.

Herr Professor Zimmermann, mit der gesetzlichen Verankerung des Stichprobenverfahrens vor nunmehr 40 Jahren wurde die Basis für den Markt der Stichprobeninventursoftware geschaffen. Zu welchem Zeitpunkt bzw. in welcher Situation haben Sie erkannt, wie viel Potential in dieser neuen Form der Inventurerleichterung steckt?

Prof. Zimmermann: Die Stichprobeninventur war in den 1980er Jahren ein Trend, ähnlich wie heutzutage die Begriffe „Big Data“, „Industrie 4.0“ und „Agilität“ in aller Munde sind. Eine Kosten- und Aufwandreduzierung von 90-95%, die sich mit Hilfe mathematisch-statistischer Methoden erzielen ließ, war bemerkenswert. Damals dachte ich, dass unser Stichprobeninventursystem INVENT Xpert den Markt in maximal 5 Jahren abgedeckt hätte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es sich Unternehmen leisten können, auf eine Stichprobeninventur zu verzichten, wenn doch so ein großes Einsparpotenzial besteht. Aber wie Sie ja besser wissen als ich, gibt es heute – 40 Jahre danach – immer noch Unternehmen, die eine Vollaufnahme machen und viel Verbesserungspotenzial unausgeschöpft lassen.

Die Entwicklung der Stichprobensoftware INVENT Xpert ist eine Pionierleistung von INFORM: Ende der 1970er Jahre entwickelte INFORM eines der ersten Stichprobeninventursysteme in Deutschland.

Inwieweit waren Sie in die ersten INVENT-Projekte eingebunden?

Prof. Zimmermann: Die ersten Stichprobeninventursysteme entwickelten wir noch in enger Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen und lieferten sie Anfang der 1980er Jahre an große Industrieunternehmen wie Mannesmann-Demag, Volkswagen und AUDI aus. Später bestand meine Tätigkeit in erster Linie darin, die Stichprobeninventur zu vermarkten. Dazu habe ich in den 1980er Jahren eine ganze Reihe Seminare gehalten, viele davon im Haus der Technik, aber auch bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und anderen Ausbildungsinstituten. Das Verständnis für die Stichprobeninventur konnte ich zudem durch Publikationen und Besuchen in der Industrie – primär auf Vorstandsebene – schaffen. Wichtig war, das Vertrauen zu gewinnen und die Akzeptanz zu schaffen, dass die Stichprobeninventur legitim und von den Wirtschaftsprüfern anerkannt ist. Überzeugungsarbeit zu leisten war nicht immer einfach, denn rückblickend betrachtet war eine der größten Hürden die Sorge der Vorstände, am Jahresende mit einer nicht gültigen Bilanz dazustehen. Dennoch haben sich zahlreiche Unternehmen schließlich selbst von den Vorteilen des Systems überzeugt.

Wie haben Sie die Entwicklung von INVENT Xpert über die Jahre verfolgt?

Prof. Zimmermann: In den folgenden Jahren habe ich die Weiterentwicklung von INVENT Xpert begleitet und war in Diskussionen immer stark involviert. Ich hatte Ideen, was man alles vorantreiben kann, habe unser System letztendlich aber nie praktisch programmiert oder die Einführung und Installation in den Unternehmen durchgeführt. Mittlerweile gab es innerhalb der INFORM auch einen eigenen Geschäftsbereich, der sich auf die Weitentwicklung und Vermarktung von INVENT Xpert spezialisierte.  Die Projekte liefen erfolgreich, mit dem festen Team von INVENT Xpert- Experten war schließlich die Entwicklung vom Einzelprojektgeschäft hin zur Standardsoftware möglich und ich stand dem Geschäftsbereich noch beratend zur Seite.

In der Blütezeit der Stichprobeninventur gab es sicherlich eine Reihe von Mitbewerbern auf dem Markt. Was machte INVENT Xpert rückblickend betrachtet erfolgreicher, als die Konkurrenzprodukte?

Prof. Zimmermann: Damals gab es tatsächlich viele Unternehmen, die im gleichen Segment tätig waren und Konkurrenzprodukte anboten. Wir waren jedoch die Einzigen, die unser damaliges Stichprobeninventursystem stetig weiterentwickelt haben. Wir haben das erste INVENT sowohl von den Methoden her, als auch im Hinblick auf die organisatorische Umgebung beim Kunden erweitert und optimiert. Das hing auch damit zusammen, dass §241 HGB eine Inventurerleichterung ursprünglich nur für Voll- und Stichtagsinventuren vorsah. Uns war jedoch schnell klar, dass es darüber hinaus viele weitere Inventurverfahren gibt. Wir haben zum Beispiel angefangen, die Stichprobeninventur auch auf die permanente Inventur anzuwenden und den Einsatz in Form von Dienstleistungsinventuren für den Filial-Einzelhandel anzubieten. Hinzu kommt, dass wir durch die enge Verbundenheit zum Lehrstuhl für Operations Research der RWTH Aachen sehr viele Mitarbeiter, insbesondere auch Doktoranden hatten, die bei INFORM an den Projekten mitarbeiteten und im Bereich der Stichprobeninventur promovierten.

Wie hat sich seither der Markt für Stichprobeninventursysteme entwickelt und welches Potenzial sehen Sie für die Zukunft?

Christian Günther: Wir verzeichnen mittlerweile über 1.200 Installationen europaweit und haben in den letzten Jahren INVENT Xpert kontinuierlich weiterentwickelt. Die aktuelle Version INVENT Xpert Web ist in drei verschiedenen, webbasierten Varianten verfügbar: Als lokale Installation vor Ort beim Kunden, als Cloud-Variante und als Dienstleistung.  Wir sind sehr zufrieden mit dem Entwicklungsverlauf von INVENT Xpert und das Geschäftsfeld Stichprobeninventur wächst kontinuierlich. Dennoch möchten wir das Ganze weiter voran zu bringen und uns nicht einfach auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. Neue Ideen und Anforderungen rund um den Einsatz von Stichprobenverfahren erfahren wir nicht nur von Kunden, sondern auch aus fortlaufender interner Diskussion hierzu. Aktuell erkunden wir beispielsweise den Einsatz bestehender Verfahren für in der Produktion befindliche Materialien. Die Problematik besteht hierbei insbesondere in der Komplexität der Aufnahme: In der Praxis befinden sich die zu zählenden Materialien innerhalb verschiedener Fertigungsaufträge in unterschiedlichen Produktionsstufen und sind oftmals schwer auffindbar. Eine mengenmäßige Bestätigung auf Materialbasis ist demnach nicht möglich. Betrachtet man die Materialnummern allerdings nicht als führendes Element für die Inventuraufnahme, sehen wir großes Potential, dass sich der Zählaufwand auch in diesem Bereich mit Hilfe erprobter mathematisch-statistischer Stichprobenverfahren reduzieren lässt.

Heutzutage existieren bereits praxistaugliche Technologien und Konzepte, wie Drohnen oder Smart Glasses, die die Inventur vereinfachen. Wie stellen Sie sich die Inventur der Zukunft vor und inwiefern werden sich die Inventurverfahren verändern? 

Prof. Zimmermann: Meine Einschätzung ist, dass sich an den statistischen Methoden, die heutzutage verwendet werden, zukünftig nichts ändern wird. Ebenso wenig wird sich vorerst gesetzlich etwas tun. Daher vermute ich, dass sich die Möglichkeiten der Systemintegration vereinfachen und sich die dem Benutzer zur Verfügung stehenden Hilfsmittel verändern. Fortschritte werden sicherlich auch weiterhin in der Art der IT-Umgebung erzielt, die Durchführung der Stichprobeninventur in der Cloud ist ja bereits seit ein paar Jahren möglich. Unter Umständen kommt auch die Benutzung von Stichprobeninventursystemen für vollkommen andere Zwecke in Frage. Mit Hilfe von Stichprobenverfahren lassen sich sicherlich eine Menge anderer, aber prinzipiell doch ähnliche Problemstellungen lösen. Das könnte ich mir gut vorstellen – in der Richtung werde ich nochmal aktiv werden.

Vielen Dank für das Interview!



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Über den Autor

  • Franziska Inkmann

    Franziska Inkmann ist als Marketing- / Eventmanagerin bei INFORM tätig und bietet sowohl Interessenten und Bestandskunden verschiedenste Veranstaltungsformate zu den Themen Absatzplanung, Bestandsoptimierung und Stichprobeninventur an. 

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