Algorithmen, Gefühle und wildes Schach

von Oliver Graf

In Indien finden zurzeit die Schachweltmeisterschaften statt. Der junge  Herausforderer Magnus Carlsen, Norwegen, spielte dort gegen den indischen Titelträger Viswanathan Anand um die Krone im Intelligenzsport Nummer eins. „Die Zeit“ bezeichnet den historischen Wettkampf im Ursprungsland des Schachs als das erste Postcomputer-Schachturnier. Unter dem Titel „Schach wird wild“ beschreibt der Artikel, wie die Computer zunächst die „Macht“ übernahmen und jetzt wieder zurückgedrängt werden, weil Spieler sich auf „unalgorithmisierbare“ Spielvarianten konzentrieren.

Schon zu Zeiten des legendären Schachweltmeisters Garri Kasparow erreichten die Rechner eine Spielstärke, die sie für Menschen unschlagbar machten. Kasparow selbst nutzte als erster Spieler intensiv Computer, um seine Gegner schachmatt zu setzen. Mittlerweile lassen sich mit den Rechneranalysen alleine jedoch keine Partien mehr gewinnen, weil jedem die gleiche Technik zur Verfügung steht.

Deshalb versuchten die Spieler, Spielsysteme zu entwickeln, die Schachprogramme nicht verstehen, „weil es nicht um konkrete Zugfolgen geht, sondern um langfristige Pläne, die hinter dem Rechenhorizont liegen. [....] Bei subtilen Manövern, die – man mag es kaum schreiben – Gefühl erfordern, hat der Mensch nach wie vor die Oberhand“.

Während Anand bekannt dafür ist, solide Computer-Vorbereitung mit psychologischem Geschick zu verbinden, versucht Carlsen seine Gegner aus dem algorithmisierbaren Raum herauszuspielen. Er konzentriert sich darauf „wilde“, unbekannte Eröffnungen zu spielen, denen weder Rechner noch Menschen folgen können oder Spiele in Gang zu halten, die der Computer schon als Remis abhaken würde. So hat er seine zwei bisherigen Siege Fehlern zu verdanken, die sein Gegner in Spiel-Situationen gemacht hat, die Computer-strategisch schon Remis waren.Das Verhältnis von Algorithmen und menschlichem Denken findet sich in genau der gleichen Weise in der betrieblichen Praxis wieder: Die intelligenten Verfahren übernehmen Routinezüge, mit denen logistische, produktive oder prüfende Prozesse gesteuert werden. Die menschlichen Experten, von dieser intellektuellen Fließbandarbeit entlastet, haben den Kopf frei, um die Prozesse langfristig zu optimieren und sie um nicht „errechenbare“ Elemente zu bereichern.



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Über den Autor

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    Oliver Graf arbeitet seit 2010 bei der INFORM GmbH und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themen Zeitfenstermanagement, Lkw-Zulaufsteuerung, Echtzeitsteuerung und Transportplanung.

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