April, April – Mythen rund um die interne Supply Chain

von Ludger Schuh

Bringt Google demnächst wirklich reinen „smarten“ Briefkasten mit Spamfilter heraus? Fällt in Italien das Tempolimit? Wird ab dem Sommer die Tagesschau von digitalen Avataren moderiert? Gibt es in Berlin bald eine Doppeldecker-U-Bahn? Setzt sich jetzt der „Wutbüger“ auch für die Logistikbranche ein? Leider oder auch teilweise zum Glück ist die Antwort ein Fünffaches und klares „nein“. Die Hintergrundberichte der vermeintlichen Tatsachen sind verfälschte und erfundene Geschichten, die am ersten April die Menschen zum Narren gehalten haben. Auch in der Logistik gibt es völlig saisonunabhängig viele Mythen, die sich hartnäckig halten, auch wenn die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Was meinen Sie? Können Sie die Fiktion von der Wirklichkeit unterscheiden?

Wenn jeder Teilprozess der Lieferkette optimal geplant wird, ist auch die Gesamtplanung optimal

Klingt als Grundprinzip von Arbeitsteilung erst einmal einleuchtend. Und natürlich lässt man sich ungern von den anderen Abteilungen in seine Planung reinreden; man weiß doch selbst am besten, wie man den Einkauf oder die Produktion plant. Das Problem ist nur: Moderne Supply Chains sind komplexe Systeme mit vielschichtigen Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Prozessen. Was für den einen optimal ist (z.B. die optimale Auslastung der Produktionskapazitäten), kann für den anderen alles andere als eben optimal sein (z.B. zu hohe Bestände). Eine ganzheitliche bzw. integrierte Planung, die alle Abhängigkeiten in einem Schritt berücksichtigt, ist daher die bessere Option auf dem Weg zur optimalen Gesamtplanung. Diese Erkenntnis setzt sich langsam in der Branche durch: eine durch INFORM durchgeführte Umfrage im letzten Jahr ergab, dass etwa die Hälfte der befragten Unternehmen beabsichtigen, mittelfristig eine integrierte Planung umzusetzen.

Social Media spielt in der Logistik keine Rolle

Wer mit dem Begriff Social Media lediglich das Teilen süßer Katzenbilder auf Facebook oder sein verwaistes Benutzerprofil auf Xing verbindet, wird vielleicht Schwierigkeiten haben, eine Verbindung zwischen den neuen Kommunikationstechnologien und der Logistik zu ziehen. Dabei sind sich die beiden Welten gar nicht so unähnlich, denn in beiden geht es im Kern um Vernetzung und Austausch von materiellen oder immateriellen „Waren“. Einer weiteren INFORM-Umfrage zufolge setzen immerhin schon 34 Prozent der befragten Unternehmen Social Media für das Supply Chain Management ein. Das ist ein guter Anfang, aber noch ausbaufähig. Entsprechend sieht mit 51 Prozent die Mehrheit der Befragten noch Handlungsbedarf in ihrem Unternehmen. Denn, für rund 60 Prozent ist Social Media in der Logistikbranche wichtig bis unverzichtbar.

In Zeiten volatiler Märkte lassen sich Nachfrageentwicklungen nicht vorhersagen. Dieses Risiko muss notwendigerweise mit hohen Beständen abgesichert werden.

Nachfrageschwankungen mögen heutzutage zum operativen Geschäft gehören, gerade in globalen Supply Chains. Einfacher Bestandsaufbau ist aber ein teures und wenig elegantes Gegenmittel. Besser ist es, auf Prognosealgorithmen aus dem Operations Research zu setzen. Auf Basis historischer Abgangsdaten und aktueller Marktzahlen lassen sich zukünftige Nachfrageentwicklungen präzise vorhersagen. Solche Algorithmen bilden den Kern von Bestandoptimierungssoftware wie add*ONE, mit denen Lagerbestände um bis zu 40 Prozent reduziert werden können, bei einer gleichzeitigen Steigerung der Lieferfähigkeit. Eine geringere Vorratshaltung führt zudem zu einer deutlich höheren Liquidität.

Eine Vollinventur am Jahresende ist unabkömmlich

Ein lästiger und teurer Prozess ist die Vollinventur – aber alternativlos? Schon seit 1977 ist die Stichprobeninventur gemäß HGB § 241 in Deutschland gesetzlich verankert. Bei diesem Verfahren müssen nur einige wenige Positionen vollständig aufgenommen werden, der Rest wird über Hochrechnungen ermittelt. Wer jetzt überrascht ist, dass der Gesetzgeber ein solch „ungenaues“ Verfahren zulässt, dem sei gesagt: die Mathematik ist gerade bei großen Zählmengen viel genauer als die Heere von freiwilligen oder unfreiwilligen Mitarbeitern, die ihre Wochenenden mit stundenlangem Zählen verbringen (z.B. in diesem Beitrag erklärt). Die Stichprobeninventur kann mit nur wenig Personal und in sehr kurzer Zeit durchgeführt werden. Mithilfe einer entsprechenden Software lassen sich so hohe Einsparpotentiale erzielen, ohne bestehende Prozesse zu beeinflussen. Und die Potentiale sind enorm: Je nach eingesetztem Verfahren kann der Zählaufwand um bis zu 99,9 Prozent gesenkt werden – und das völlig unabhängig von der Größe des Lagers. Die Gesamtkosten für die Inventur können auf diese Weise um bis zu 95 Prozent reduziert werden.

Bei aller Seriosität sind Aprilscherze im kollegialen Umfeld und privat ein schöner Brauch, der die Wirklichkeit oft faszinierend karikiert. Im beruflichen Alltag kommt der Glaube an falsche Wahrheiten und das „Hereinfallen“ auf eben diese aber schnell teuer zu stehen. Hinterfragen Sie Ihre Prozesse und gewohnte Wirklichkeiten – es lohnt sich!

Mit welchen „Mythen“ in der Supply Chain hatten Sie schon zu tun? Ich freue mich auf Ihre Kommentare! 



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Über den Autor

  • Ludger Schuh

    Ludger Schuh († 19.06.2017) war Mitglied der Geschäftsleitung bei der INFORM GmbH. Von 1993 - 2016 war er verantwortlich für die Produkte aus dem Bereich Inventory and Supply Chain. Im Januar 2017 hat er die Aufgaben des zweiten Geschäftsführers der INFORM GmbH übernommen.

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