Augmented Reality in der Logistik: Wegweiser in der Brille

von Ralf Steck

Logistik hat viel mit Navigation zu tun – sei es die Routenplanung für den LKW, sei es das Zurechtfinden in einem großen Lager beim Zusammenstellen von Sendungen. Wir haben uns alle daran gewöhnt, echtzeit- und standortbezogene Informationen auf dem Smartphone zu erhalten. Was aber, wenn beide Hände zum Arbeiten benötigt werden? Hier bieten Datenbrillen eine Lösung, die noch weit über das hinausgeht, was Smartphones üblicherweise liefern: Augmented Reality blendet Informationen in die reale Welt ein.

Augmented Reality: Computer-Daten ergänzen das natürliche Sehen

Technisch gesehen, sind Augmented Reality (AR) oder auch die eher aus dem Computerspielebereich bekannte Virtual Reality (VR) Ausprägungen der sogenannten Mixed Reality. Diese bezeichnet Systeme oder Umgebungen, die die natürliche Sehwahrnehmung mit computererzeugten Daten vermischen oder ergänzen. Der Grad oder das Ausmaß der computergenerierten Ansicht ist dabei variabel. Mixed Reality beginnt bereits bei den winzigen Head-Up-Displays in Oberklasseautos, die wichtige Daten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen, Abbiegehinweise und anderes in das Sichtfeld des Fahrers einblenden. Am anderen Ende des Spektrums steht Virtual Reality, bei der eine komplett geschlossene Brille die Realität komplett ausblendet und der Betrachter in fremde Welten gesandt wird. Bekannte Vertreter dieser Klasse sind die Oculus Rift oder die HTC Vive.

Augmented Reality wird für gewöhnlich, ähnlich wie VR, ebenfalls mit einer Brille erzeugt. Im Falle von AR bleibt das Sichtfeld jedoch weitgehend frei. Die Daten werden nur in einem Ausschnitt einblendet. Bekanntestes Beispiel dafür ist Google Glass. Inzwischen gibt es Brillen, die durch transparente Bildschirme den Blick auf die Umwelt ermöglichen, aber auch in der Lage sind, an jeder Stelle des Sichtfelds Daten einzublenden. Bekannt hierfür ist unter anderem die Microsoft Hololens.

Interaktive Logistik durch AR-Brillen

Um die computergenerierten Informationen an der richtigen Stelle einblenden zu können, brauchen diese Brillen eine Kamera. Durch Auswerten des Videostroms erkennt der steuernde Computer, wohin der Nutzer blickt, und ist so in der Lage, die Daten passgenau einzublenden. Diese Kamera lässt sich natürlich auch als Barcode- oder QR-Code-Scanner einsetzen, was wiederum in der Logistik interessante Anwendungen ermöglicht. Mikrofon und Lautsprecher runden die Ausstattung der Brille ab und ermöglichen eine sprachgeführte Interaktion.

Die Möglichkeiten, die sich im Lager durch AR ergeben, zeigt ein Video von SAP, das eine Pilotanwendung im Lager des IT-Spezialisten Bechtle AG in Neckarsulm zeigt: Dem Staplerfahrer werden laufend Informationen eingeblendet, die er zum jeweiligen Zeitpunkt benötigt. So leiten ihn beispielsweise Pfeile zum nächsten Artikel, den er aufladen muss. Dabei scannt er mit der Brillenkamera den Barcode auf der Verpackung, um sicherzugehen, dass er den richtigen Artikel in der gewünschten Anzahl entnommen hat. Selbstverständlich lassen sich dabei auch Informationen vom Produkt auslesen, wie beispielsweise Seriennummern oder die genaue Konfiguration des Produkts.

https://www.youtube.com/watch?v=9Wv9k_ssLcI&feature=youtu.be

Das Video zeigt zudem weitergehende Anwendungsmöglichkeiten. So sendet die AR-Brille zum Beispiel entsprechende Warnungen, falls ein anderes Fahrzeug im Lager den Weg des eigenen Staplers zu kreuzen droht. Auch im Falle von Wartungs- oder Reparaturbedarf können AR-Brillen helfen: So kann der Techniker des Herstellers etwa dem Staplerfahrer zeigen, wo er relevante Fahrzeugdaten am defekten Stapler auslesen kann. Gleichzeitig kann der Kunden-Service des Herstellers in Echtzeit die Messwerte über das Kamerabild analysieren. So lassen sich Reparaturvorgänge vereinfachen und beschleunigen.

Vielversprechende Zukunftsperspektiven mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten

Die Möglichkeiten, die Augmented Reality bietet, sind extrem umfangreich. Überall dort, wo es darum geht, in einer realen Umgebung zusätzliche, ortsgebundene oder mit bestimmten Objekten verbundene Informationen zu liefern, kann Augmented Reality sinnvoll sein. Allerdings empfiehlt es sich, die Anwendung von Fall zu Fall abzuwägen. Ein LKW-Fahrer etwa wird keine AR-Brille zur Navigation benötigen, denn ihm genügen in den meisten Fällen die Anweisungen per Sprache und Bildschirm um den richtigen Weg zu finden. Jedoch bereits an einem unübersichtlichen Autobahnkreuz, an dem zur Frage, welche Spur die richtige ist,  auch noch viel Verkehr hinzukommt, könnte es hilfreich sein, wenn auf der Windschutzscheibe die beste Fahrspur markiert wäre.

Überall dort, wo der Blick auf das Smartphone beziehungsweise ein Terminal und/oder dessen Bedienung stört, ist der richtige Platz für AR. Der Fantasie sind in diesem Fall kaum Grenzen gesetzt. AR ist keine neue Technologie, nur fehlte bisher die Hardware – zum einen in Bezug auf die Rechenleistung, zum anderen in Form über längere Zeit tragbarer, kabelloser Brillen. Inzwischen sind solche Brillen zu erschwinglichen Preisen verfügbar. Augmented Reality wird deshalb in den nächsten Jahren spürbar an Bedeutung gewinnen und viele Bereiche unseres Lebens im direkten Wortsinn „bereichern“ – ganz im Sinne der wörtlichen Übersetzung des Wortes „augmented“ aus dem Englischen.



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Über den Autor

  • Ralf Steck

    Ralf Steck ist Maschinenbau-Ingenieur, freier Fachjournalist, Autor, Moderator und Speaker. Er bloggt auf www.EngineeringSpot.de über Soft- und Hardware für die digitale Produktentwicklung und bastelt an seiner Freizeit an 3D-Druckern, seiner CNC-Fräse und Oldtimern.

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