Beacons - Signalfeuer für die Fertigung?

von Jens Siebertz

Amsterdam ist eine Stadt voller Sehenswürdigkeiten, weltberühmter Museen und Touristen. Im Gegensatz zu den vielfältigen Freizeit- und Sightseeing-Angeboten ist die Stadt jedoch flächenmäßig überschaubar. Auch die historische Fassade der niederländischen Hauptstadt schwindelt ein wenig - denn Amsterdam geht mit der Zeit.

Derzeit rüstet die Stadt um und bestückt seine Innenstadt mit Beacons. Das sind Bluetooth Low Energy Technologien, die als kleine Datensender ständig ihre Position übermitteln und mit denen man sich per Smart Phone oder Tablet verbinden kann.

Die deutsche Übersetzung von Beacons ist Signalfeuer. Und das trifft es gut. Denn die Sender übermitteln ihre Daten via Bluetooth bis zu 100 Metern. Eingesetzt werden sie bereits im Einzelhandel wie beim Einrichtungs-Riesen IKEA zur Kundenbindung oder im Tourismus wie beispielsweise in Pilotprojekten der Deutschen Bahn zum Ausbau des E-Mobilität-Marktes. Womit wir auch wieder bei den Touristen und Amsterdam sind, wo zurzeit Laternenmasten, Straßenbahn- und Bushaltestellen mit den Lippenstift-großen Datensendern versehen werden. Ergebnis: Die Amsterdamer Beacon Mile. Hier können Passanten per Push-Nachricht Werbung oder andere Zusatzinformationen auf ihr Smart Device erhalten. Eine Testumgebung für Werbetreibende, die Beacons als zusätzlichen Kommunikationskanal willkommen heißen. Doch wie willkommen ist diese Technologie für den Kunden? Möchte ich ständig die Zielscheibe von Marketingmaßnahmen sein? Und falls ich die Daten als Mehrwert einschätze, möchte ich dann eine App installieren müssen, um diese zu bekommen?

Aus Konsumentensicht gibt es noch viele offene Fragen. Doch die Kommunikation von Beacons muss nicht zwingend werblicher Natur sein, da nicht immer der Mensch das Ziel der Kommunikation mit Sendern sein muss. Mit Hilfe der Funksender können auch Maschinen untereinander oder Maschinen mit Materialien "kommunizieren".

Das Potenzial in der Fertigung ist groß

Zum Beispiel könnten in der fließenden Produktion durch die Kommunikation mit Beacons Maschinen, Menschen und Materialien identifiziert und geortet werden. Im Gegensatz zu der etwas älteren RFID-Technologie, sendet der Beacon selbst die Daten. RFID-Chips hingegen lassen sich nur über die Rückkopplung mit einem speziell dafür vorbereiteten Softwaredienst zur "Kommunikation" hinreißen. Beacons zeichnen sich außerdem durch einen sehr geringen Stromverbrauch, Echtzeit-Sendung und niedrige Initialkosten aus. Welche Möglichkeiten die kleinen Datensender somit für das Tracking von Teilen in Fertigungsabläufen eröffnen, ahnen Sie eventuell schon jetzt. Durch die schnelle Datenübertragung können Wartungs- und Auslastungszahlen noch besser orts- und zuständigkeitsbasiert ins Monitoring und die Wartung von Maschinen einfließen. Gerade bei komplexen Fertigungsprozessen wie beispielweise in der Einzel- und Kleinserienfertigung, bei denen es häufig zu hohen Fehlteilquoten, Rückständen und fehlender Termintreue kommt, sind die Optimierungspotenziale besonders hoch. Wenn die Zustände von Maschinen und Standorte von Werkzeugen leichter ermittelt oder Daten schneller bereitgestellt werden, könnte die Komplexität der Produktion und deren Planung oft verringert werden. Das Ergebnis wäre eine verbesserte Steuerung von logistischen und industriellen Prozessen. Der Fertigungsleiter hätte die Möglichkeit, mit seinem Smartphone durch die Produktionsstätte zu gehen und Echtzeitinformationen von Maschinen wie Stillstandzeiten oder Ausfälle ortsgebunden abzulesen. In Kombination mit Business-Intelligence-Tools könnte er Dashboards nutzen, die ihm schnell und übersichtlich Analysen zu den einzelnen Maschinen und deren Auslastung geben.

Zudem könnten Beacons den Informationsaustausch in der Fertigung entlasten. Lästige Kommunikation darüber, welcher wichtige Service-Auftrag sich gerade wo im Fertigungsprozess befindet, würde wegfallen. Dieser Auftrag könnte via Beacons schnell geortet und somit priorisiert werden.

Nicht nur in Fabriken wäre die schnelle Datenübertragung eine Erleichterung in komplexen Prozessabläufen. Darüber hinaus könnten die kleinen Sensoren in der Produktions- und Warenlogistik eingesetzt werden, um neue Anwendungen und Prozesse voranzutreiben. Technologien wie Temperatur-, Druck- und Beleuchtungssensorik könnten durch die Sender ausgebaut und Produkte oder Teilprodukte während der Fertigung sensorisch verfolgt werden. Außerdem könnten Produktionsplaner viele zusätzliche Informationen über den Zustand oder ortsbezogene Informationen erhalten. Logistische und fertigende Prozesse würden so maßgeblich beeinflusst und vereinfacht werden. Die Produktions- und Lieferkette wäre automatisiert und gleichzeitig konsequent kontrolliert.

Gerade in der Einzel- und Kleinserienfertigung ist es oft von Bedeutung, den Produktionsprozess so transparent wie möglich zu halten, um zu wissen, wer, wann, was unter welchen Bedingungen gefertigt hat. Beispielsweise kam es im vergangenen Jahr gerade bei Automobilherstellern vermehrt zu Rückholaktionen. Bei diesen Rückrufen ist es meist wichtig zu wissen, welches Material, aus welcher Lieferung, mit welchen Qualitätsparametern, bei welchem Produkt, wo und wann eingeflossen ist. Als Zulieferer kann die Technologie hier helfen, auf Anforderung des Kunden Auskunft zu geben und eine schnelle Kontrollmöglichkeit seines eigenen Leistungsprozesses zu haben.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass Beacons das Potenzial besitzen, die Zukunft der Fertigung und Logistik zu verändern. Die Sender können in vielen Anwendungsbereichen für eine schnellere und vereinfachte Kommunikation sowie Datenübertragung sorgen. Doch erst einmal ist das ja nur Zukunftsmusik und Fertigungsunternehmen stehen schon heute vor großen Herausforderungen. Diverse Probleme wie hohe Rückstände und unzuverlässige Termineinhaltung, die häufig in der Fertigung von komplexen Produkten auftreten, werden schon heute von intelligenter Software erfolgreich gemeistert. Dennoch könnten verschiedene Branchen wie beispielsweise die Einzel- und Kleinserienfertigung oder der Maschinen- und Anlagenbau davon profitieren, dass Beacons moderne, bereits bestehende Softwaretechnologien für die Fertigungsplanung ergänzen und im Rahmen der Industrie 4.0 für innovative Optimierungen im Bereich der Fertigung sorgen. Es wird sich zeigen, wie groß das Potenzial dieser Form der Datensendung in Fertigungsstätten ist und ob die Grenzen zwischen digitaler Welt und Realität dann in deutschen Produktionen ähnlich wie in der weltbekannten Hafenstadt Amsterdam ein wenig verschwimmen.



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Über den Autor

  • Jens Siebertz

    Jens Siebertz arbeitet seit 2003 bei der INFORM und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themenschwerpunkten Business Intelligence, Management Reporting, Data Analysis und Produktionscontrolling.

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