Chaos in Dover?

von Evi Hartmann
Shutterstock/GLF media

Der Brexit kommt – und in Dover werden sich die LKW’s stauen. Zu Tausenden. Pro Tag gehen in Dover circa 11.000 Laster durch. Wenn sie durchgehen.

Kommt der harte, ungeregelte Brexit, gehen sie eben nicht mehr glatt durch, weil Großbritannien dann plötzlich Ausland ist und eine komplette Zollabfertigung benötigt. Und weil man auf die Schnelle nicht mehrere Hundertschaften neuer Zollbeamten rekrutieren kann. Das heißt, nach zehn Tagen stehen in Dover dann über 100.000 Laster in der Pampa – ja wo stehen die denn alle? Gibt es so viele Parkplätze in England?

Tatsächlich wurden entlang der Autobahn bereits auf einer Länge von 16 Kilometern für Hunderte von LKW neue, provisorische Parkplätze eingerichtet – der Steuerzahler zahlt das gerne. Notparkplätze. Für die Not, die sich einstellen wird, wenn die Politiker es nicht geregelt kriegen, einen geregelten Brexit auf die Beine zu stellen.

Es gibt vieles, was sich zum Schlechteren verändern wird, wenn Großbritannien austritt und vieles, das sich direkt auf Logistik und Supply Chain Management auswirkt. Eine der gravierendsten Auswirkungen wird sich am Nadelöhr Dover manifestieren: der konkrete Vorgang der täglich zehntausendfachen Zollabfertigung.

Solange Großbritannien noch in der EU war, dauerte in Dover die Abfertigung eines LKW’s aus der EU 2 Minuten. Keine große Sache, praktisch beim Durchwinken. Das war und ist doch einer der überragenden Vorteile der EU: keine kilometerlangen LKW-Staus mehr an den Grenzübergängen! Freie Fahrt für freie Bürger und ihre Güter!

99 Prozent der in Dover ankommenden LKW’s stammen bislang aus der EU. Und jetzt kommt’s: Fahrzeuge aus Drittstaaten brauchen für die Zollabfertigung nicht die doppelte, nicht die dreifache Zeit – sondern, wer bietet mehr? – die zehnfache Zeit! Also 20 Minuten. Und nach dem ungeregelten Brexit kommen alle LKW’s, die in Dover ankommen, dann eben aus einem Drittstaat. Nehmen Sie jedes x-beliebige Unternehmen und jeden x-beliebigen Arbeitsprozess und multiplizieren Sie diesen mit 10! Auch wenn der Prozess noch so klein ist – ganze Unternehmensteile würden bei so einem Ineffizienz-Unfall zusammenbrechen. Für Unternehmen wäre das ein hoch explosives Insolvenzrisiko. Und für Staaten?

In der heutigen Zeit von Just in Time und Millionentonnage in „Lagern auf der Straße“ ist eine Verzehnfachung der Zeit für die Zollabfertigung an einem Nadelöhr nicht nur eine lästige Zeitverzögerung. Es ist praktisch The End of the World as We Know It, der Logistik-Super-GAU. Zumindest, bis der Riesen-Stau in Dover abgebaut ist – wenn überhaupt und wenn jemals. In den letzten Monaten, seit der Brexit sich abzeichnet, hat sich bereits das Handelsvolumen von und zur Insel massiv verändert. Die britischen Importe für chemische Grundstoffe und Stahl nahmen um 20 Prozent ab. Über alle Produkte und Branchen aufaddiert sanken die Einfuhren um 8 Prozent. Die britischen Ausfuhren gingen sogar um insgesamt 15 Prozent zurück. Das ist schockierend.

Der größere Schock jedoch ist: Kaum jemand weiß das. Die Leitmedien berichten stundenlang von den Kabbeleien im britischen Unterhaus. Dass die britische Wirtschaft bereits jetzt einen Jahrhunderteinbruch wegstecken muss, erfährt der geneigte Nachrichtenkonsument eher beiläufig oder überhaupt nicht. Jetzt mal ehrlich: Wenn hierzulande, im Lande des Exportweltmeisters, die Ausfuhren um 15 Prozent einbrechen würden – die nationale Katastrophe würde ausgerufen werden. Die Medien würden über nichts anderes mehr berichten. Aber über die aktuelle Wirtschaftskrise? Wissen wir so gut wie nichts. Das gilt nicht für uns alle.

Die britische Regierung zum Beispiel weiß einiges. Sie ließ in den letzten Tagen durchsickern, dass sie bemüht sei, Vorsorge zu treffen, damit nach dem Brexit wenigstens Medikamente und andere lebenswichtige Güter trotz Chaos-Brexit noch ins Land gelangen können, ohne dass zum Beispiel Krankenhäuser in einen Medikamenten-Notstand geraten. Das erinnert stark an die „Sicherung überlebenswichtiger Güter“ und trifft unschön aber zutreffend die Schwere der Lage: Hier wurden in Friedenszeiten Zustände wie sonst nur in einem Krieg geschaffen.

Die Wirtschaft bricht jetzt schon ein. Und beginnt, ihre Supply Chains umzuschmeißen, neue Zulieferer zu suchen. Wie auch deutsche und andere europäische Unternehmen sich für ihre Waren andere Abnehmer in anderen Ländern suchen – oder Mitarbeiter entlassen und Standorte schließen. Jetzt schon. Wer schreibt darüber? Wer berichtet darüber?

Laut einer Umfrage des britischen Chartered Institute of Procurement and Supply (CIPS) sagten 14 Prozent der befragten EU-Unternehmen, die bislang mit britischen Zulieferern zusammengearbeitet haben, dass sie bereits Anfang des Jahres Teile ihres Geschäftes von den britischen Inseln abgezogen haben. Britische Unternehmen flüchten ihrerseits aus der Desaster Area, dem Krisengebiet.

Wir alle kennen den prominentesten Brexit-Flüchtling. Jeden Abend sehen wir seine Produkte im TV, in vielen deutschen Haushalten saugt sein Staubsauger und in vielen Toiletten von Hotellerie und Gastronomie bläst sein Handtrockner: James Dyson hat angekündigt, die Zentrale seines Unternehmens nach Singapur zu verlegen. Flucht von der Insel – ein schöner Titel für ein Katastrophen-Movie. Die Ironie ist unangebracht?

Das ist eine mögliche Wertung. Die andere ist: Möglicherweise sind Katastrophen dieses Ausmaßes nur mit einer massiven Dosis Humor zu ertragen. Nicht, weil sie so lustig wären; ganz im Gegenteil. Sondern weil sie so schlimm, gravierend, folgenreich, teuer und Gift für The Welfare of Nations sind.

Unser Mitgefühl gilt allen, die unter dem Brexit leiden und leiden werden. Den braven Brummi-Fahrern, die bald in Dover auf unbestimmte Zeit und fern ihrer Lieben campieren werden. Den Logistikern und Supply Chain ManagerInnen, die Sonderschichten und Überstunden schieben, damit sie das von Menschenhand angerichtete Desaster wenn nicht abwenden, so doch abmildern können. Den Unternehmen, deren Gewinn leidet oder leiden wird. Den Menschen, die wegen der Brexit-Baisse ihren Job verlieren oder in Kurzarbeit gehen werden. Und vor allem unseren britischen Nachbarn: Ihr habt das nicht verdient! Keep a stiff upper lip! Wir halten zu euch, auch wenn einige eurer Politiker das nicht zu tun scheinen.  

Wir Leute im Supply Chain Management und in der Logistik haben in jahrzehntelanger Knochenarbeit weltumspannende, komplexe und hoch verzweigte Liefernetzwerke aufgebaut, die wie Schweizer Uhrwerke schnurren und Millionen Konsumenten und Unternehmer glücklich machen. Wir haben praktisch die Globalisierung ins Rollen gebracht. Und das soll sich nun ändern, weil man es nicht schafft sich auf einen geordneten Brexit zu einigen? Dazu fällt mir nichts mehr ein. Und Ihnen?



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Über den Autor

  • Evi Hartmann

    Evi Hartmann ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Mutter von vier Kindern forscht und lehrt an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO für Frauen in Führungspositionen. Sie schreibt den Blog "Welt bewegend".

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