Der moderne Sisyphos arbeitet in der Prozess­industrie

Sicherlich ist Ihnen der Sisyphos-Mythos aus dem Odyssee-Epos von Homer bekannt. Weil er Hades, den Gott der Unterwelt, erst überlistet und dann auch noch verspottet hatte, wurde ihm anschließend die Strafe auferlegt, einen großen Felsen einen steilen Hang hinaufzurollen. Kurz bevor er oben ankommt, entgleitet ihm der Stein, rollt den Hang hinunter und Sisyphos muss erneut beginnen. Vergleichbare Tätigkeiten, die bei aller Anstrengung trotzdem vergeblich sind, nennen wir deshalb heute auch (lateinisiert mit „u“) Sisyhphusarbeit. Dieses Wort wird auch sicherlich jedem Produktionsplaner in der Prozessindustrie verhältnismäßig häufig auf den Lippen gelegen haben. Aber schauen wir uns erst einmal an, warum man sich in der Prozessindustrie mit Sisyphusarbeit bestens auskennt.

Optimale Planung ist wirtschaftliche Notwendigkeit

In kaum einer Branche hat die Planung der Supply Chain einen ähnlichen Stellenwert wie in der Prozessindustrie. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl der Herausforderungen, denen sich die Planungsverantwortlichen täglich stellen müssen. Dazu zählen:

  • Hohe Nachfrageschwankungen
  • Häufiger Produktwechsel
  • Geringe Flexibilität in der Auswahl und der kapazitiven Anpassung der Produktionsmittel
  • Physikalisch bedingte Losgrößenvorgaben
  • Hohe Variabilität in den Prozessen
  • Zertifizierungen von Produktionsschritten (z.B. Pharma)
  • Gesetzliche Vorschriften (energetische Vorgaben, Chargenverfolgbarkeit)
  • Hohe Rüst- und Reinigungszeiten

Um es zusammenzufassen: Sehr determinierte Prozesse treffen auf hohe Bedarfsschwankungen, was letztendlich zu einem hohen Kostendruck für die Unternehmen führt. Aus diesem Grund ist optimale Planung kein „nice-to-have“, sondern absolute wirtschaftliche Notwendigkeit.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird vielleicht der ein oder andere etwas überrascht sein, wenn er erfährt, dass in der Prozessindustrie an einem Produktionsplanung-Konzept festgehalten wird, welches alles andere als optimal ist. Das ist sogar noch ein wenig euphemistisch, denn es ist sogar so, dass der Großteil der Planung regelmäßig an der Realität scheitert. Ich stelle mir den typischen Produktionsplaner ein wenig wie einen modernen Sisyhpos vor – mit dem Unterschied, dass die Sagengestalt wenigstens genau weiß, warum sie bestraft wird.

Der Mythos vom präzisen Planen

Der Grund, warum in der Prozessindustrie der symbolische Felsen den Berg regelmäßig wieder hinunter rollt: Pseudo-Genauigkeit. In der Regel startet die Produktionsplanung mit der Festlegung von Produktionsmengen und –reihenfolgen von Enderzeugnissen, anschließend werden Stücklisten und Arbeitspläne mehrstufig aufgelöst. Das Ergebnis: Minutengenau geplante Prozessschritte. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nur um eine berechnete Pseudo-Genauigkeit, die mit der Realität relativ wenig gemein hat. Da von Anfang an nicht alle wirklich relevanten Einflussfaktoren berücksichtigt werden, kommen die Produktionsplaner jeden Tag zur gleichen Erkenntnis: Der Plan von heute ist morgen nicht mehr gültig.

Einer der Faktoren, die wirklich bereits am Anfang des Prozesses in die Produktionsplanung einfließen sollten, ist die Materialverfügbarkeit. Da die heutigen Lieferketten häufig global angelegt und daher Wiederbeschaffungszeiten von mehreren Wochen keine Seltenheit sind, sollten Beschaffungsprozesse möglichst früh angestoßen werden. Und je länger der Beschaffungszeitraum ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Ware eben nicht an dem Tag eintrifft, den man mithilfe der Stammdaten errechnet hat. Wenn man den Bedarfstermin eines bestimmten Rohmaterials anhand fest gepflegter Durchlaufzeiten, vorgegebener Losgrößen und fixer Wiederbeschaffungszeiten errechnet, wird man sich letztendlich mit einem scheinbar exakten Verfügbarkeitstermin in Sicherheit wiegen. Allerdings gibt es so viele Faktoren in dieser Berechnung, die einen gewissen Grad an Variabilität aufweisen, dass das Vertrauen auf einen minutengenauen Produktionsbeginn praktisch schon nicht mehr rational ist. Es ist dann am Ende ein bisschen so, als hätte man einen leeren Topf auf dem Herd erhitzt, wartet aber immer noch auf die Zutaten.

Das führt uns wiederum zum zweiten wichtigen Faktor, der zu Beginn berücksichtigt werden sollte: Produktionskapazität. Falls doch irgendwie alles mit dem Rohmaterial geklappt hat, zum geplanten Zeitpunkt aber keine freien Kapazitäten vorhanden sind, ist das Ergebnis am Ende das gleiche: Umplanung in die Zukunft, was im Hinblick auf den Servicegrad zum Kunden natürlich vermieden werden sollte.

Um nicht ständig mit nicht-existierendem Rohmaterial und nicht-machbaren Plänen in Bezug auf die Produktionskapazitäten arbeiten zu müssen, muss sich die Prozessindustrie einem ganz neuen Ansatz bei der Planungsgranularität nähern.

Planung mit „Eimern“

Es gibt einen Weg aus diesem Dilemma: Simultane Produktionsprogrammplanung. Hinter diesem Buchstabenriesen verbirgt sich ein Planungskonzept, bei dem schon zu Beginn des Produktionsplanungsprozesses sowohl die Machbarkeit bei den Kapazitäten als auch die Materialverfügbarkeit berücksichtigt wird – und das Ganze eben simultan. An dieser Stelle könnte man fragen: Wie hilft mir das mit dem Genauigkeitsproblem? Der Hauptunterschied ist die Planung in Zeitintervallen, so genannten Buckets („Eimern“). Das bedeutet, dass der generierte Plan gröber ist, dafür aber auch sehr viel robuster. Man kann sicher sein, dass die Buckets tatsächlich einem Realitätscheck Stand halten. Die Folgeprozesse in der Feinplanung sind dann praktisch trivial.

Während der Produktionsplaner in der Prozessindustrie bestimmt allein schon darüber glücklich wäre, endlich mal einen Plan zu haben, der auch umsetzbar ist, bietet die Simultane Produktionsprogrammplanung noch weitere Möglichkeiten:

  • Automatisch angesteuerte Vorproduktion (z.B. Sommerpause vorab eingeplant)
  • Gleichmäßigere Auslastung der Produktionskapazitäten
  • Verwendung alternativer Ressourcen
  • Berücksichtigung von Prioritäten

Im Ergebnis können die Produktionsplaner mit geringeren Bestandsniveaus arbeiten und erreichen gleichzeitig einen höheren Servicegrad zum Kunden. Die gesamte Supply Chain ist robuster und verlässlicher, vom Kundenauftrag bis zur Beschaffung der Rohmaterialien.

Fazit

Sicherlich hat sich der ein oder andere Planungsverantwortliche aus der Prozessindustrie bereits an das konstante Scheitern gewöhnt (ob Sisyphos sich mittlerweile daran gewöhnt hat, ist nicht überliefert). Sollten sie aber erkennen, dass es dort draußen auch eine ganz andere Planungswelt gibt, in der ein Plan genauso umgesetzt werden kann, wie man sich das vorgestellt hat, werden sie sicherlich das Hinaufrollen des Felsen ziemlich schnell einstellen.

Sind auch Sie ein moderner Sisyphos? Welches Produktionskonzept kommt bei Ihnen zum Einsatz?Ich freue mich über Ihre Antworten!



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