Der Weihnachtsmann: ein Superheld der Logistik

von Kai Keppner

Es gibt ein paar Dinge, die Weihnachten etwas besonderer machen als andere Feiertage. Die Lichter, die Gerüche, die Stimmung und natürlich nicht zuletzt die Geschenke verleihen dem Fest eine geradezu magische Aura. Speziell für Kinder wird es fast schon märchenhaft, wenn dann noch die Figur des Geschenke-Verteilers ins Spiel kommt. Je nach Region oder Tradition handelt es sich dabei um das Christkind, den Weihnachtsmann oder auch seine nordamerikanische Variante Santa Claus.

Während die Ursprünge des „deutschen“ Weihnachtsmanns, zumindest in meiner Kindheitserinnerung, immer etwas nebulös waren, hat der nordamerikanische Weihnachtsmann eine recht üppig ausgestattete Hintergrundgeschichte, die auf dem anonym veröffentlichten Gedicht „The Night before Christmas“ aus dem Jahr 1823 beruht. Dem deutschen Publikum eher aus Hollywood-Filmen bekannt (und fälschlicherweise als Erfindung von Coca Cola verschrien), lebt dieser Weihnachtsmann mit einer Gruppe Elfen am Nordpol, von wo aus er an Weihnachten mit einem von fliegenden Rentieren gezogenen Schlitten startet, um jedes Kind in der Welt innerhalb eines Tages zu bescheren.

Wenn man sich die Geschichte von Santa Claus (oder im Weiteren einfach: Weihnachtsmann) anschaut, dann fällt einem auf, dass sehr vieles, was er tut, mit Logistik zu tun hat. Und dass er in der Art, mit seinen logistischen Aufgaben umzugehen, eher einem Superhelden aus dem Marvel-Universum gleicht.

Doch schauen wir uns die Fähigkeiten des Weihnachtsmanns mal im Einzelnen an:

  • Er kennt alle Weihnachtswünsche (Absatzplanung durch Telepathie)
  • Er und seine Elfen produzieren und verpacken alle Weihnachtsgeschenke innerhalb eines Jahres in einer geheimen Fabrik am Nordpol (nahezu unendliche Produktionsressourcen und wahrscheinlich Fähigkeit, die Zeit zu verlangsamen)
  • Er liefert weltweit alle Weihnachtsgeschenke über alle Zeitzonen hinweg innerhalb von zwei Tagen (Lieferung mit unfassbarer Geschwindigkeit)

Die Bedeutung dieser Fähigkeiten lässt sich aber erst richtig ermessen, wenn man in einem Gedankenspiel dem Weihnachtsmann selbige einfach mal wegnimmt. Nehmen wir also mal an, der Weihnachtsmann ist ein einfacher Unternehmer mit angeschlossener Logistikabteilung. Auf welche Probleme würde er bei seiner Aufgabe stoßen?

Absatzplanung

Ok, also ist der Weihnachtsmann kein Telepath. Als gewöhnlicher Absatzplaner (mit weißem Bart und rotem Mantel) würde er seine Planung auf historischen Absatzdaten aufbauen und so seine Prognosen für das aktuelle Jahr errechnen. Das Problem dabei: So ziemlich die meisten Menschen bekommen nicht die gleichen Geschenke wie im letzten Jahr (Socken gehören allerdings zu den Dauerbrennern). Zumal ein gewisser Prozentsatz nicht einmal die „richtigen“ Geschenke bekommt, wie das große Umtauschgeschäft nach Weihnachten beweist.

Also sind diese Daten nicht besonders brauchbar, auch wenn man bedenkt, dass der Weihnachtsmann nicht für eine Gruppe von Kunden plant, die sich einfach etwas aus dem Angebot nehmen. Schließlich plant er für jeden „Kunden“ separat und dieser erwartet dann noch eine 100%ige Lieferqualität.Woran kann der Weihnachtsmann sich also orientieren, wenn es nicht die Vergangenheitsdaten sind? Es gibt zum Beispiel jedes Jahr einen gewissen Trend bezüglich Geschenke-Kategorien, die dann aber bei einer 1:1-Beplanung auch nicht besonders hilfreich sind. Teilweise werden dem Weihnachtsmann echte Wunschzettel von Kindern über spezielle Poststationen zugespielt. Da es sich dabei aber um einen eher kleinen Anteil an den gesamten Wünschen handelt und darunter auch ein paar schwierig Erfüllbare sind (z.B. Weltfrieden oder ein Dinosaurier), handelt es sich hierbei nur um den Tropfen auf den heißen Stein.

Bei diesen Rahmenbedingungen kann man dem Weihnachtsmann nur viel Glück wünschen.

Beschaffung und Produktion

Der Weihnachtsmann als Superheld verfügt offensichtlich über unendliche Ressourcen und muss auch keine Rohmaterialien für seine Fabrik am Nordpol beschaffen. Der Weihnachtsmann aus unserer Welt müsste dagegen ein ziemlich gewaltiges Beschaffungs-Budget haben, um auf Basis seiner wohl nicht ganz so exakten Absatzplanung das für die Geschenke notwendige Material zu beschaffen oder bereits fertige Produkte zu erwerben. Wie groß dieses Budget sein müsste, lässt sich nur schwierig bestimmen, aber der Wert aller Weihnachtsgeschenke wäre zumindest eine Annäherung.

Angenommen, der Weihnachtsmann wollte alle 1,8 Milliarden Kinder in der Welt beschenken, dann würde sich sein Budget (unter weiteren Annahmen) auf 197 Milliarden Euro belaufen. Bei diesem Budget wäre er mit Abstand die reichste Privatperson in der Welt, mit sehr großem Abstand vor Bill Gates. Da er aber keinerlei Umsatz macht, benötigt er dieses Geld jedes Jahr, so dass er am Ende ein jährliches Budget vergleichbar mit den Ausgaben eines Landes wie Belgien in der Kasse haben müsste.

Und dann müssen ein paar Geschenke ja noch produziert werden. Da wird also eine nahezu unvorstellbare Menge Rohmaterial und Zukaufteile einem Produktionsprozess mit begrenzten Kapazitäten zugeführt. Wenn der Weihnachtsmann jetzt nicht über eine Produktionseinrichtung mit gigantischen Ausmaßen und unzähligen Maschinen verfügt, dann wird er mehr als nur ein kleines Produktionsplanungs-Problem haben. Und da Industrie 4.0 noch so weit von der Realität entfernt ist, als dass der Weihnachtsmann eine Smart Factory sein eigen nennen könnte, benötigt er wohl mehr als nur eine Armee von Elfenarbeitern (wahrscheinlich mehrere Millionen; mit Produktionskosten, die sich auf mehrere Billionen belaufen). Verglichen mit dem Fabrik-Moloch des Weihnachtsmanns, der aufgrund der verbrauchten Energie wahrscheinlich rotglühend durch das Polareis bricht, sind die chinesischen Fabrikstädte von Foxconn kleine Handwerksbetriebe.

Lieferung

An dieser Stelle merkt man schon: Ein „realer“ Weihnachtsmann hätte das Weihnachtsfest bereits ruiniert. Um aber auch die Herausforderung der Lieferung beschreiben zu können, nehmen wir jetzt einfach mal an, dass er ziemliches Glück mit seiner Absatzplanung hatte und er tatsächlich das richtige Geschenk für jeden einzelnen Beschenkten auf den Schlitten geladen hat. Zusätzlich weiß er genau, wo seine „Kunden“ leben oder besser gesagt – Weihnachten feiern. Tatsächlich ist das Problem noch ein bisschen größer, denn die Menschen feiern in unterschiedlichen Zeitzonen und haben traditionell unterschiedliche Zeiten und Tage für die Bescherung.

Eine beispielhafte Berechnung ergibt, dass der Weihnachtsmann 510.000.000 Meilen an Heiligabend zurücklegen muss und dafür 32 Stunden Zeit hat (das ist im Übrigen ein Traveling-Salesman-Problem). Das bedeutet, dass er mit einer Geschwindigkeit von 10.703.437,5 km/h unterwegs sein muss (0,97 Prozent der Lichtgeschwindigkeit). Die Zahl schließt nicht ein, dass er anhält, um die Weihnachtsgeschenke in den Kamin zu werfen. Außerdem spricht er auch schon mal mit dem einen oder anderen Kind persönlich – also ist er noch schneller. Eine weitere Herausforderung: alle Geschenke auf seinen Schlitten zu laden, denn diese wiegen etwa 2.363.319,33 Tonnen.

Sollte der Weihnachtsmann das Geschwindigkeitsproblem gelöst haben (neben dem trivialen Problem, einen Platz zum Sitzen zu finden), dann ergibt sich zusammen mit dem Gewicht des Schlittens eine weitere Schwierigkeit: Die Beschleunigung des Schlittens auf die angepeilte Geschwindigkeit erzeugt enormen Luftwiderstand, so dass die vordersten Rentiere eine unfassbar große Energiemenge absorbieren müssen. Das Endergebnis: Die Rentiere, der Schlitten, die Geschenke und der Weihnachtsmann verglühen in einem gewaltigen Feuerball im Bruchteil einer Sekunde. Das ist möglicherweise die Erklärung für Rentier Rudolfs rote Nase.

Fazit

Wäre der Weihnachtsmann eine reale Person, dann müsste man einfach festhalten, dass er seiner Aufgabe niemals gewachsen wäre. Gut, dass wir unseren Superhelden haben. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!



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Über den Autor

  • Kai Keppner

    Kai Keppner arbeitet seit 2008 für die INFORM GmbH und schreibt hauptsächlich zu den Themen Absatzplanung, Bestandsoptimierung und Stichprobeninventur.

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