Die Auswirkungen von Elektroautos auf die Automobillogistik

von Ruud Vossebeld

Tesla startet die Produktion seines neuen Model 3. Zurzeit ist davon auszugehen, dass die Basisversion des Elektroautos in den USA etwa zwischen 35.000 und 40.000 Euro kosten wird. Damit liegt das neue Modell preislich deutlich unter seinen Vorgängern, dem Tesla Model S für 70.000 Euro und dem Model X mit 96.000 Euro. Mit einer Reichweite von 345 Kilometern ist das neue Modell zwar leistungsstärker als seine Vorgänger und eben auch günstiger. Es darf aber bezweifelt werden, dass die Preisschwelle zur Massentauglichkeit nach unten durchbrochen ist.

Ganz abgesehen vom Hype um Tesla stellt sich aktuell die generelle Frage: Werden Elektroautos die Vorherrschaft auf dem Automobilmarkt in Zukunft tatsächlich übernehmen? Und wenn ja, ab wann werden sie das Bild unserer Straßen dominieren? Laut PwC Autofacts soll bereits 2030 jeder dritte Neuwagen in der EU ein Elektroauto sein. Den Prognosen zufolge werden Elektrofahrzeuge 2028 mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent erstmals Autos mit konventionellen Verbrennungsmotoren überholen, den Rest sollen dann Hybride unterschiedlicher Bauart bilden. Momentan haben noch gut 97 Prozent aller Neufahrzeuge in der EU einen Verbrennungsmotor. Bis 2020 sinkt der Anteil laut Prognose auf knapp 90 Prozent, 2025 werden es nicht mal mehr 50 Prozent und 2030 nur noch gut 15 Prozent sein. Für den nordamerikanischen Raum erwartet PwC Autofacts eine noch stärkere Polarisierung des Marktes. Hier soll der Elektroauto-Anteil bis Ende 2030 auf mehr als 35 Prozent ansteigen.

Automobilindustrie bereitet sich auf Elektro-Umschwung vor

Ob diese Entwicklung genauso stattfinden wird, bleibt natürlich abzuwarten. Doch die Automobilhersteller haben – teilweise mit einigem Zögern – die Zeichen der Zeit erkannt und bereiten sich nun auf die Marktveränderungen vor. Beispielsweise möchte der schwedische Autohersteller Volvo ab 2019 jedes Neuwagenmodell auch mit Elektromotor auf den Markt bringen. So sollen Benziner und Dieselmotoren schrittweise durch Elektroautos ersetzt werden.

Und auch die deutschen Automobilhersteller schenken der Elektroauto-Wende mittlerweile vermehrt Aufmerksamkeit. VW kündigt für 2025 an, zwei bis drei Millionen vollelektrische Fahrzeuge zu verkaufen. Daimler möchte bis 2022 zehn neue Elektroauto-Modelle auf den Markt bringen. Und dies sind nicht nur Lippenbekenntnisse, eine ambitionierte E-Auto-Strategie kann unter den Vorzeichen als überlebenswichtig eingestuft werden. Immerhin werden 90 Prozent der deutschen Fahrzeuge ins Ausland verkauft. Der chinesische Automarkt ist beispielsweise siebenmal größer als der deutsche und hier ist per Gesetzgebung bereits entschieden, dass Autos ohne Elektromotoren in absehbarer Zeit quasi unverkäuflich werden. China wird die Abgasgrenzwerte bis 2030 so stark verschärfen, dass sie entweder nur mit sehr aufwendiger und folglich sehr teurer Technik eingehalten werden können oder auf E-Motoren umsteigen müssen.

Auch große Firmen wie DHL erkennen zunehmend die Bedeutung von Elektromobilität. Das Unternehmen baut gemeinsam mit dem Start-up Streetscooter der RWTH Aachen seine elektrische Flotte konsequent aus.

Die Folgen für die Automobillogistik

Dieser Umschwung hat Folgen für die gesamte Automobil-Lieferkette. Beispielsweise besteht ein Achtzylindermotor aus etwa 1.200 Teilen, ein Elektromotor hingegen benötigt um die 20. Diese Differenz wirkt sich auch auf die Lieferanten aus. Komplexe Motoren mit Abgasnachbehandlung und aufwendige Getriebe fallen weg, die Akku-Produktion ist weitestgehend automatisiert. Spezialisierte Zulieferer von Bauteilen wie beispielsweise Kolben oder Kurbelwellen, die dazu dienen, den während der Verbrennung entstandenen Druck in eine Drehbewegung zu wandeln, werden dann nicht mehr benötigt.

Hinzukommt, dass es steigende Anforderungen an Sicherheit und Handhabung der verwendeten Batterien gibt, die kosteneffizient in die logistischen Prozesse integriert werden müssen. Diese Integration hängt auch immer von der Entscheidung der Automobilhersteller ab, wichtige Komponenten der Elektroautos selbst zu produzieren oder deren Produktion auszulagern. Doch auch die Batterieproduktion beinhaltet komplexe chemische Verfahren und hohe Qualitätsanforderungen. Selbst bei Tesla kam es bereits zu einem Batterieengpass aufgrund von Schwierigkeiten bei der 100kWh-Batterienproduktion.

Zudem haben sich die Automobilproduzenten ihre Expertise in der Motorenherstellung und im Autobau über Jahrzehnte erarbeitet. Dasselbe Knowhow im Bereich Batterieherstellung in wesentlich kürzerer Zeit aufzubauen, ist eine schwierige Aufgabe. Insgesamt sinkt dadurch die Eintrittsbarriere für neue Wettbewerber in den Markt.

Auch die Fahrzeugdistribution verändert sich

Neuwagen mit Verbrennungsmotoren sind meist schon mehrere Kilometer gefahren, bevor sie beim Kunden ankommen. Bei Elektroautos ist es nicht anders, nur dass der Akkustand während der logistischen Prozesse berücksichtigt werden muss. Das stellt auch die Autoterminal-Betreiber vor neue Herausforderungen. Sollten die Autos während der Zwischenlagerung aufgeladen werden? Wie werden Routen und Aufenthaltszeit bestmöglich kalkuliert, wenn ein neuer Parameter wie das Batterie-Aufladen hinzukommt?

Gegebenenfalls kommen hier Investitionen in Ladestationen auf, die je nach Prozessabwicklung direkt auf den Terminals installiert werden müssten. Auch die Länge der Ladezeit müsste genau auf die Prozesse abgestimmt werden.

Grundsätzlich ist zu hinterfragen, wie man die Prozesse so optimieren kann, dass die Reichweite der Wagen und die Batterielaufzeit intelligent integriert werden. Hinzukommen neue Sicherheitsvorkehrungen während der Distributionsprozesse. Die in den Batterien verbauten Lithiumzellen sind leicht entzündlich. Um keinen Stromschlag zu bekommen, muss bei einem Brand die Hochvolt-Komponente außer Betrieb genommen werden.

Fazit

Der Elektroauto-Hype ist im vollen Gange und die Automobilindustrie hat die Chancen mittlerweile erkannt. Auch für viele angegliederte Industrien bedeutet dies einen Umschwung, da sie sich bereits heute auf zukünftige Geschäftsmodelle und Produktionen einstellen müssen. Dabei müssen sich die OEMs und Logistikanbieter an die Geschäfts- und Produktionsmodelle der Automobilhersteller anpassen. Denn die Elektromobilität stellt neue Herausforderungen an alle Beteiligten und verändert nicht nur das Aussehen unserer Straßen, sondern eben auch logistische Prozesse.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Automobillogistik durch die steigende Elektroauto-Nachfrage?

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Blogparade Elektromobilität 2017 des Blogs Ingenieurversteher.de.



Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Eine unorganisierte innerbetriebliche Logistik kostet Geld - und Nerven

Lesen

Krankenhaus 4.0 – und das Warten hat ein Ende

Lesen

Automatische Transportdisposition: Wie Sie das Potenzial Ihrer innerbetrieblichen Logistik optimal nutzen

Lesen

Über den Autor

  • Ruud Vossebeld

    Ruud Vossebeld arbeitet seit 2010 für INFORM. Sein Ziel ist es, neue Ideen und Technologien zu entwickeln, durch die sich Logistik- und Supply Chain- Prozesse nachhaltig und profitabel gestalten lassen.

    Alle Beiträge dieses Autors

    Mehr über diesen Autor unter:

Unsere Autoren

Finden Sie alle unsere Autoren auf einen Blick!

Alle Autoren

Nach oben