Die Herausforderungen einer intelligenten Netzwerkplanung in der Automobillogistik

von Katharina Burlage

Weltweit sind jeden Tag über 15 Millionen Fahrzeuge auf dem Weg vom Werk zum Kunden. Das verursacht erhebliche Kosten und zum Teil beträchtliche Lieferzeiten. Denn produziert werden die Fahrzeuge eben auch an global verteilten Standorten, entsprechend müssen die Autos oft vom Produktionsstandort zum Endkunden eine lange Reise zurücklegen. Dieser Weg kann über Schienenverkehr, Schiff oder Lkw führen. Stopps werden dabei auf riesigen Terminals eingelegt, auf denen die Fahrzeuge zwischengelagert werden. Letztendlich bedeutet das für die Autoproduzenten ein riesiges Netzwerk aus verschiedenen Möglichkeiten, um den Transport zu gestalten. Dabei gibt es wiederum etliche Bedingungen, die berücksichtigt werden müssen.

Grundlage für die Netzwerkplanung sind die Absatzvolumina je Fahrzeugmodell, die vom jeweiligen Werk in die unterschiedlichen Zielmärkte zu den Händlern oder Kunden transportiert werden müssen. Die möglichen Transportmittel umfassen hier vor allem See- und Binnenschiffsverkehr sowie Lkw-Transporte. Teil der Route der Neuwagen sind Häfen, Umschlagterminals und Modifikations-Werkstätten.

Herausforderungen der Netzwerkplanung

Wachsende Distanzen zwischen Werk und Händler

Eine der Herausforderungen für die Netzwerkplanung in der Automobillogistik ist die Verlagerung von Montagewerken in Niedriglohnländer. Dies führt dazu, dass die Distanz zwischen Werk und Kunde in vielen Fällen größer wird und somit die Transportentfernung steigt.

Variantenvielfalt und Verlagerung von Produktionsschritten auf die Transportroute

Auch die steigende Variantenvielfalt beeinflusst die Netzwerkplanung. Durch sie gibt es weniger Werke pro Fahrzeugmodell, was ebenfalls zu einer größeren Transportentfernung führt. Zusätzlich steigt durch die Nachfrage nach immer individuellerer Fahrzeugausstattung die Anzahl von nötigen Fahrzeugmodifikationen, die nicht im Werk, sondern auf Terminals durchgeführt werden. Auch diese müssen bei der Netzwerkplanung berücksichtigt werden.

Spezifisches Equipment für den Fahrzeugtransport

Fahrzeugterminals und -transporter, Bahnwaggons für den Fahrzeugtransport, Roll-on-Roll-off-Schiffe und dazugehörige Ro-Ro-Fahrzeugterminals in Häfen können nahezu ausschließlich für die Fahrzeugdistribution genutzt werden. Nachfrageschwankungen können daher nicht durch die Ressourcen aus anderen Logistikbereichen aufgefangen werden.

Kundenansprüche hinsichtlich Einhaltung von Lieferterminen

Unsere Gesellschaft tendiert durch den zunehmenden Online-Boom generell zu einer gewissen Erwartungshaltung gegenüber Bestellungen. Die Einhaltung des Liefertermins wird immer wichtiger.

Anforderungen an eine effiziente Netzwerkplanung

Die Netzwerkplanung in der Automobilindustrie muss den genannten Herausforderungen gewachsen sein und den folgenden Ansprüchen entsprechen.

Kosten- und Lieferzeitoptimiertes Netzwerk

Für die Produzenten steht zunächst meist die Kostenoptimierung im Vordergrund der Netzwerkplanung. Diese beinhaltet die Transport-, Abwicklungs-, Service- und Lagerkosten. Darüber hinaus müssen die Lieferzeiten zum Kunden berücksichtigt werden, die einerseits durch Kapitalbindung und Lagerkosten einen finanziellen Aspekt, andererseits auch Einfluss auf die Kundenzufriedenheit haben. Auch die Schadensneigung bestimmter Strecken, Lagerplätze oder Transportmittel sollten in die Planung einfließen.

Betrachtung des gesamten Netzwerks

Eine Kostenoptimierung ist dann am effektivsten, wenn sie sich nicht auf einzelne Segmente des Netzwerks bezieht, wie beispielsweise die Verteilung von einem Platz oder Hafen, sondern das gesamte Netzwerk von den Werken bis zu den Händlern betrachtet wird. Durch die optimale Kombination der Anfahrtswege und -transportmittel sowie Selektion der Häfen und Distributionsplätze erfolgt dann eine Gesamtkostenoptimierung. Durch die dazu erforderlichen Freiheitsgrade steigt neben dem Einsparpotenzial jedoch auch die Komplexität der Optimierungsaufgabe.

Operative Umsetzbarkeit des Planungsergebnisses

Eine Kostenoptimierung, die sich allein an den Angebotspreisen der Logistikdienstleister orientiert, führt nur selten zum angestrebten Ziel. Meist ist sie schon aufgrund zusätzlicher vertraglicher Restriktionen wie Mindest- oder Maximalvolumen nicht umsetzbar.

Zusätzlich zu den bereits durch die Vertragsgestaltung gegebenen Bedingungen gibt es weitere Gesichtspunkte, die Einfluss auf die operative Umsetzbarkeit von Transportnetzwerken haben. Auf der einen Seite ist es häufig sinnvoll, die Anzahl der Transportunternehmen, die von einem Verteilungsplatz aus liefern, zu begrenzen, um reibungslose Abläufe zu gewährleisten und den Verwaltungsaufwand zu minimieren. Auf der anderen Seite kann es zur Risikominderung beitragen, eine Mindestanzahl von Transportunternehmen festzulegen, anstatt das gesamte Volumen vom Anbieter mit den geringsten Preisen transportieren zu lassen.

Um den möglichen Ausfall eines Transportmittels kurzfristig und mit möglichst geringen Zusatzkosten abfedern zu können, kann es ratsam sein, bereits im Vorfeld einen Teil des Transportvolumens über eine alternative Route zu planen, auch wenn diese teurer ist.

Wichtig bei allen Abwägungen ist für den Netzwerkplaner Transparenz. Hinter jeder zusätzlichen Restriktion, die Abläufe erleichtern oder Risiken mindern soll, steckt eine Kostendifferenz zur Lösung ohne diese Restriktion. Eine fundierte Entscheidung darüber, ob eine Änderung den Aufpreis wert ist, kann nur durch einen Vergleich der verschiedenen Varianten getroffen werden.

Möglichst reibungsloser Übergang vom bestehenden zum neuen Netzwerk

Zusätzlich zu den Bedingungen, die allgemein bei der Gestaltung von Transportnetzwerken zu berücksichtigen sind, kommt hinzu, dass ein Transportnetzwerk selten komplett neu aufgesetzt wird. Üblicherweise wird ein Übergang von den bestehenden Strukturen zu einem veränderten Transportnetzwerk vorgenommen.

Dieser Übergang in ein neues Netzwerk stellt die Autohersteller vor viele Herausforderungen, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Transportunternehmen und Nutzung von Terminals, über die noch keine Erfahrungswerte bestehen und die noch nicht an bestehende Datenverarbeitungssysteme angebunden sind. Hieraus können sich neue Restriktionen ergeben, beispielsweise die Anforderung, dass von den Transporteuren, die ein Autoterminal ansteuern, nur eine begrenzte Anzahl Transporteure sein sollten, für die noch keine Erfahrungswerte vorliegen. Hier können moderne Optimierungsverfahren mit Eingabemöglichkeiten für kundenspezifische Bedingungen helfen, den Prozess zu beschleunigen. Vorgänge, die anderenfalls wochenlange Kalkulationen in Excel erfordern, können so teils in wenigen Minuten umgesetzt und simuliert werden. Dieser zeitliche Vorteil erlaubt es häufig, ohne Zeitdruck verschiedene Lösungsvarianten zu erproben und deren Ergebnisse gegenüberzustellen. So kann letztendlich das beste Transportnetz unter Berücksichtigung aller relevanten Kriterien ermittelt werden.

Fazit

Ziel einer optimierten Netzwerkplanung in der Automobillogistik ist die gesamtkostenoptimierte Gestaltung von Transportnetzwerken. Dabei müssen neben Kosten und Lieferzeiten komplexe Bedingungen berücksichtigt werden, damit das geplante Netzwerk operativ umsetzbar ist. Gleichzeitig bedeutet weniger Zeit für Kalkulationen und Vergleiche der Gesamtkosten und Lieferzeiten, dass Ausschreibungszyklen verkürzt und Netzwerke schneller an veränderte Bedingungen angepasst werden können. Die Reduktion von Kosten sollte dabei gerade bei der wertvollen und individuellen Fracht in der Automobillogistik dabei nie zulasten der Kundenzufriedenheit gehen.

Welche größte Herausforderung sehen Sie in der Netzwerkplanung in der Fahrzeugdistribution?

 

 



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Über den Autor

  • Katharina Burlage

    Katharina beschäftigt sich vor allem mit dem Thema strategische und taktische Netzwerkoptimierung. In verschiedenen Projekten bei namhaften Automobilherstellern weltweit sammelte sie umfangreiche Projekterfahrung insbesondere im Bereich der Neuwagenlogistik.

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