Die interkulturellen Unterschiede in der Digitalisierung - sind wir Deutschen wirklich so digitalisiert wie wir denken?

von Nora Wolf

Die Deutschen schätzen sich meist als sehr fortschrittlich ein. Dieses Selbstbildnis gilt auch weitgehend für das Thema der Digitalisierung. Doch hat Deutschland den globalen digitalen Wandel wirklich mitgestaltet, oder hat es im Vergleich zu anderen Ländern noch große Defizite? Sind wir Deutschen technisch wirklich so entwickelt wie wir häufig denken?

Wenn man das vermeintlich moderne Deutschland mit dem Schwellenland China vergleicht, erkennt man einen deutlichen Unterschied im Denken und Handeln der beiden Länder in Bezug auf die Digitalisierung.

Digitales Bezahlen: Selbstverständlichkeit oder Angst vor Kontrollverlust

Schon bei der Frage, ob ein Großteil der Bevölkerung bevorzugt mit Karte oder bar bezahlt, sind wesentliche Unterschiede zwischen den Kulturen zu erkennen. In Deutschland zahlen rund 80 Prozent der Bevölkerung bar, unabhängig von der Größe des Einkaufs. Ausgabenkontrolle, Sicherheit und Anonymität nennen 88 Prozent der Befragten als Kriterien für die Bargeldzahlung, wie aus einer Studie der Bundeszentralbank aus dem Jahr 2017 hervorgeht. Außerdem wollen 88 Prozent der Befragten weiterhin die Möglichkeit haben, mit Bargeld zahlen zu können und richten sich somit gegen den Trend hin zur Bargeldabschaffung. Ein Selbstexperiment einer Autorin des Berliner Tagesspiegels hat außerdem gezeigt, dass es in Deutschland fast unmöglich ist, ohne Bargeld zu leben, da man in vielen kleinen Läden nicht mit Karte bezahlen kann.

Ganz im Gegensatz zu China. Von den in China weit verbreiteten Bezahl-Apps kann in Deutschland noch gar nicht die Rede sein. Dort werden fast ausschließlich QR-Codes und Bezahl-Apps wie WeChat und Alipay genutzt. Teilweise ist sogar die Zahlung mit Bargeld im Supermarkt verboten. Für uns in Deutschland schwer vorstellbar: Selbst Mittellose betteln auf den chinesischen Straßen nicht mehr um Bargeld, sondern hoffen auf Spenden via QR-Code. Während die chinesische Bevölkerung mehr als die Hälfte aller Zahlungen mobil abwickelt, ist die deutsche Bevölkerung mit einem Anteil von tatsächlich 0,0 Prozent der mobilen Zahlungsabwicklungen im Gesamtumsatz extrem zurückhaltend.

Autonomes Fahren: Eine Frage der Werte

Auch im Bereich des autonomen Fahrens zeigen sich wesentliche Unterschiede zwischen China und Deutschland. Nur etwa 45 Prozent der Deutschen würden sich von einem Roboterauto fahren lassen. Bei den Chinesen hingegen wären es 75 Prozent. Dieser Unterschied könnte auf ein sehr unterschiedliches Verhältnis der beiden Kulturen zu Autos zurückzuführen sein. Deutschland gilt als Autonation, in der fast jeder einen Führerschein besitzt. China jedoch ist erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts in Bezug auf das Verhältnis von Bevölkerung und Fahrzeugen als motorisiert zu bezeichnen und auch der Besitz eines Führerscheines ist hier nicht unbedingt üblich. Selbst hinter dem Steuer zu sitzen hat in China daher nicht so einen hohen Stellenwert wie in Deutschland und die Hemmschwelle, sich auf etwas Neues, wie das autonome Fahren, einzulassen, ist dementsprechend niedriger.

Bei diesem Thema wird auch häufig über die Risiken des autonomen Fahrens und über die Verantwortung bei Unfällen diskutiert. Eine durchaus wichtige Debatte, die aber je nach Schwerpunkt Risiko oder Chance die kulturelle Position erkennen lässt. Insbesondere in Detailfragen erkennt man dann, dass die ethischen Grundsätze und Wertevorstellungen in den Ländern sehr verschieden sind.  Ein sehr makabres Beispiel zu dieser Diskussion zeigt ein Experiment des MIT: Menschen aus über 233 Ländern wurden befragt, wen ein selbstfahrendes Auto eher töten solle – ein Kind oder eine alte Frau. Das Ergebnis zeigt starke kulturelle Unterschiede, die langfristig Auswirkungen auf das Design und die Regulierung selbstfahrender Fahrzeuge haben könnten. So würde man in China eher ein Kind, anstatt einer älteren Dame überfahren lassen, da die Bevölkerung dort sehr großen Respekt gegenüber der älteren Generation hat. In Deutschland aber würde man eher die ältere Dame wählen, da hier vor allem der Grundsatz gilt: Kinder vor Erwachsenen. Dieses Beispiel nimmt ein extremes Entscheidungsproblem im Bereich des autonomen Fahrens auf, welches aber wie viele andere Aspekte noch vor der Einführung der selbstfahrenden Autos geklärt werden muss. Außerdem macht es sehr eindringlich klar, dass die Algorithmen und deren Entscheidungen im Rahmen der Digitalisierung erheblich von den Werten einer Gesellschaft beeinflusst werden. Somit kann bei diesem Thema keine global einheitliche Vorgehensweise festgelegt werden, ohne den kulturellen Hintergrund einzelner Länder zu berücksichtigen.

Digitalisierung - viele Chancen unabhängig von der Kultur

Der digitale Anteil in unserem Leben wird immer größer und wichtiger. Banken bieten ihren Kunden durch moderne Zahlungsmethoden die Chance, schneller und komfortabler zu bezahlen. Und auch autonomes Fahren kann ein großes Zeitfenster schaffen, in dem die Menschen organisatorische Dinge erledigen oder entspannen können, ohne angestrengt von einem Termin zum anderen zu hetzen. Außerdem sollen selbstfahrende Fahrzeuge die Unfallgefahr verringern.

Viele Entwicklungen und deren Auswirkungen liegen noch ungewiss in der Zukunft, doch es ist klar, dass sich einiges in unserem Alltag verändern wird. Und das trotz der vorhandenen Vorbehalte bei manchen Menschen in Deutschland, insbesondere in Bezug auf die künstliche Intelligenz hinter vielen der Technologien. Wie die Beispielaspekte Digitales Bezahlen und Autonomes Fahren zeigen, gibt der Großteil der deutschen Bevölkerung nicht gerne die Kontrolle ab und will sich noch nicht vollständig auf Technologie verlassen. Doch genau diese Scheu sollten wir ablegen, denn die positiven Seiten der Digitalisierung haben ein klares Übergewicht. Aufgrund von digitalen Plattformen können mehr Transparenz, Wahlfreiheit und eine Reduzierung des Informationsaufwands gewährleistet werden.  Eine Flexibilität in der Wirtschaft und Arbeitswelt kommt dazu. Auch Big-Data-Technologien und selbstlernende Algorithmen, wie sie zum Beispiel beim autonomen Fahren zum Einsatz kommen, bieten viele neue Möglichkeiten.

Aufgrund dessen sollten wir offener gegenüber neuen und modernen Entwicklungen werden und auch von anderen Kulturen wie China und deren Umgang mit der Digitalisierung lernen. Digitalisierung sollte als etwas Positives betrachtet werden, aus der viel Neues und Fortschrittliches geschöpft werden kann. 

 

 



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Über den Autor

  • Nora Wolf

    Nora Wolf hat 2018 ein Praktikum bei INFORM im Bereich Marketing absolviert. Sie interessiert sich unter anderem für die Themen interkulturelle Kommunikation und Digitalisierung.  

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