Ein Blick in die Zukunft: Chaos auf Rastplätzen ade?

von Michael Schwemmle
Lkw Rastplatz am Abend

Die Parkplatznot auf deutschen Autobahnen ist schon seit längerer Zeit ein Problem. Der Ausbau der Stellplätze ist zwar bereits in Gang, aber leider nicht schnell genug, um den riskanten Platzmangel zu verhindern. Überraschend ist die Situation allerdings nicht: Der Ausbau der Stellplätze hätte schon wesentlich früher begonnen werden müssen, um mit dem stark steigenden Kraftfahrtverkehr mitzuhalten. Doch anstatt auf die vergangenen Versäumnisse zurückzuschauen, möchte ich lieber einen Blick auf zukünftige Lösungsmöglichkeiten werfen. Denn ich persönlich hoffe, dass die verstopften Rastplätze genau wie die lärmenden Lkw in den Städten schon bald der Vergangenheit angehören.

Warum nicht intelligent planen?

Zunächst zum Parkproblem: Deutsche Kraftfahrer sind vernünftigerweise zu gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten verpflichtet, die für regelmäßige Pausen auf langen Routen sorgen sollen. Doch helfen diese verpflichtenden Pausen leider nicht, Unfälle zu verhindern. Denn bei Platzmangel bleibt nicht viel Handlungsspielraum für die Kraftfahrer. Bei übermüdeter Weiterfahrt riskiert der Fahrer ein teures Bußgeld oder schlimmstenfalls einen Unfall. Daher kommt es nicht selten vor, dass sich Lkw in Richtung Ein- oder Ausfahrt drängeln, wo sie dann Pkw-Fahrern den Weg versperren. In der Vergangenheit wurde hier wegen Überfüllung sogar schon rückwärts auf die Autobahn ein Ausweg gesucht. Und auch wenn die Ruhezeit aus gesetzlicher Sicht in Ausnahmefällen überzogen werden darf, haben wir es immer noch mit einer extrem angespannten Situation zu tun. Die optimale Lösung ist noch nicht gefunden.

Wie wäre es mit Planung statt Chaos? In der Automobilindustrie werden zum Beispiel bereits in einem ähnlichen Umfeld intelligente Planungssysteme eingesetzt. Auf Autoterminals mit mehreren tausend Neuwagen werden Stellplätze von Softwarelösungen so optimiert geplant, dass der Abstellplatz jedes einzelnen Fahrzeugs bereits an die Ein- und Abladeprozesse sowie die folgende Transportroute angepasst ist. Für das System müssen in diesem Fall alle wichtigen Daten wie Bestimmungsort, Liefertermin und Modell des Autos vorliegen. Von so einer optimierten Planung könnten auch Rastplätze profitieren. Im Falle der Lkw müsste der optimale Stellplatz schon vor der Ankunft an der Raststätte aufgrund verschiedener Daten - zum Beispiel Zeit bis zur gesetzlich vorgeschriebenen Pause, bereits belegte Plätze oder Strecke bis zum nächsten Parkplatz - berechnet werden. Die Lkw-Fahrer könnten den bestmöglichen Parkplatz mit Hilfe des Systems mobil buchen. Parkplatzmangel wäre Vergangenheit.

Ähnliche Denkansätze findet man beispielsweise schon in Bayern auf der A9 zwischen Nürnberg und München, wo Kraftfahrer bereits über das Smartphone oder Internet freie Plätze auf Raststätten buchen können. Hierfür wird der ein- und ausfahrende Verkehr auf der Raststätte durch ein intelligentes Lasersystem kontrolliert und so die freien Plätze ermittelt. Natürlich muss sich hier der Fahrer weiterhin aktiv um die Reservierung kümmern und auch die Einhaltung der Ruhepause liegt weiterhin in seiner Verantwortung. Dennoch ein erster guter Schritt.

Mein Idealbild moderner Raststätten reicht allerdings noch ein wenig weiter: Jeder einzelne Lkw soll seinen eigenen optimalen Rastplatz finden. In der Fahrzeuglogistik wird Tracking genutzt, um die Neuwagen zu verfolgen und ihre Route optimal zu planen. Wenn riesige Yards in der Neuwagenlogistik durch solche intelligenten Systeme gesteuert werden, sollte das auch für Raststätten in ähnlicher Form umsetzbar sein.

Logistikpotenzial aus der Neuwagenlogistik nutzen

Und auch in den vorgeschriebenen Pausen der Lkw-Fahrer sehe ich noch mehr Potenzial. Als Optimierungsdenker kann ich mich nämlich nur schwer mit dem Gedanken anfreunden, dass Zeit einfach verstreicht, in der genauso gut effiziente Prozesse stattfinden könnten. Warum die Zeit der vorgeschriebenen Pause nicht nutzen und stattdessen Kleintransporter schicken, die die Waren an den Autobahnparkplätzen abholen? So wären die Lkw aus den Städten und würden sich lediglich auf den Autobahnen bewegen. Außerdem hätten Speditionen so das Potenzial, sich durch den effektiveren Einsatz ihrer Ressourcen wie beispielsweise das Umrüsten der Kleintransporter auf Elektrofahrzeuge zukunftsorientiert zu positionieren. Umweltschutz und Corporate Social Responsibility werden für Unternehmen immer wichtiger und könnten auch für Transportunternehmen zukünftig ein wichtiger Wettbewerbsvorteil sein.

Raststätten könnten in Zukunft vielmehr als flexible und agile Logistikzentren dienen, auf denen im Sinne höchster Effizienz Anlieferungen und Abholungen rund um die Uhr stattfinden. Alles müsste zeitlich natürlich perfekt organisiert sein. Leistungsfähige Steuerungs- und Optimierungssysteme müssten installiert werden, um die reibungslosen Abläufe intelligent zu planen. In der Neuwagenlogistik planen intelligente Lösungen bereits neben den Vorgängen auf dem Autoterminal auch alle Transportprozesse im Distributionsnetz. So werden nach der Abfertigung auf dem Autoterminal alle weiteren Bewegungen der Fahrzeuge - vom Werk bis zum Händler - möglichst effizient geplant.

So werden durch effizientes Transport-Management in der Neuwagenlogistik die besten Transportrouten zusammengestellt, um eine effiziente und termingerechte Auslieferung der Fahrzeuge zu sichern. Ähnlich wie entscheidungsintelligente Systeme bereits die Transportstrecken von Autos möglichst kurz und die Auslastung des Transportmittels möglichst hoch planen, könnte auch für die Lkw-Fahrer eine optimale Strecke mit den bestmöglichen Pausen geplant werden. Außerdem plant die Software, wie die Autos am besten gestellt und die Prozesse ablaufen sollten, damit die Fahrzeugtransporter und Schiffe möglichst kurze Ladezeiten benötigen. Die transparente Abbildung aller Prozesse ist für die Optimierung die Basis. Denn während moderne Neuwagenlogistik erlaubt, jeden Prozess zu verfolgen und besteht auf deutschen Autobahnen noch Verbesserungspotenzial.

Fazit

Auch wenn der Bau neuer Parkplätze durch diverse Genehmigungen und Widerstand von Bürgern gegen die unbeliebten Ausbaumaßnahmen zeitaufwendig ist, sehe ich keine andere Chance für die Beruhigung der aktuellen Situation als den Ausbau voranzutreiben. Und darüber hinaus sollte man die Rastplätze zukunftsfest machen. Ähnliche Technologien und Anwendungsfelder wie die Fahrzeuglogistik zeigen, dass es möglich ist, äußerst komplexe Prozesse oder ganze logistische Netzwerke intelligent zu planen und zu steuern. Obwohl meine Vision von "Mega-Hubs" anstelle von Rastparkplätzen noch meine persönliche Zukunftsmusik ist, sollten überfüllte Parkplätze zukünftig optimiert werden. Neben der Unfallgefahr, die durch die mangelnden Kapazitäten entsteht, gehen eventuell auch logistische Potenziale verloren. Die intelligente Neuwagenlogistik zeigt, welche Optimierungsmöglichkeiten und Vorteile solche Lösungen bieten.

Welche Visionen haben sie, bekannte Logistikprozesse und -lösungen für bestehende Probleme zu nutzen?



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Über den Autor

  • Michael Schwemmle

    Michael Schwemmle arbeitet seit 2015 bei der INFORM. Er begeistert sich für Zukunftsthemen und für die Fragestellung wie Digitalisierung Innovationen im Sinne der Nachhaltigkeit unterstützen kann.

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