Erbsen zählen mit Signore Pareto – ein Prinzip für Ihre Inventur

von Kai Keppner

Vilfredo Frederico Pareto (gebürtig Wilfried Fritz Pareto, die deutschen Vornamen als Hommage an die Deutsche Revolution in 1848/49) war ein renommierter italienischer Ingenieur, Ökonom und Soziologe. Aufgrund seiner umfassenden Erfolge auf diesen Gebieten ist es wenig verwunderlich, dass seine Liebe zur Gartenarbeit häufig in den Hintergrund rückt. Allerdings hat ein kleines Ereignis in seinem Garten einen großen Beitrag für unsere Wirtschaftswelt geleistet.

Wahrscheinlich saß Signore Pareto auf einer einfachen Holzbank hinter seinem Haus, umweht von einem schweren Duft italienischer Kräuter, und beobachtete einen Bereich seines Gartens mit Neugier. Er stellte fest, dass 20% der Erbsenschotten, die er ausgesät hatte, 80% der gesamten Erbsen trugen. Da er Wissenschaftler durch und durch war, fragte er sich, ob er es hier nicht mit einem fundamentalen Prinzip zu tun hatte. Später fand er unter anderem heraus (was deutlicher bekannter sein dürfte), dass 20% der Italiener über 80% des Vermögens im Land verfügten. Das Pareto-Prinzip war geboren.

Ich muss zugeben, dass die Quellen diesbezüglich etwas dürftig sind, so dass ich nicht genau sagen kann, welches Ereignis hier wirklich ausschlaggebend war. Aber ich finde Gefallen an dem Gedanken, dass das so genannte Pareto-Prinzip seinen Ursprung in einer Alltagsbeobachtung in einem italienischen Garten hat. Das ist vergleichbar mit dem Apfel, der Isaac Newton auf den Kopf gefallen sein soll, nur dass die Entdeckung der 20-80-Regel für Signore Pareto nicht mit Kopfschmerzen verbunden war.

Pareto-Verteilung für die Inventur nutzen

Das Pareto-Prinzip dürfte den meisten Lesern unseres Blogs bekannt sein. Zusammengefasst beschreibt es den Grundsatz, dass 80% der Wirkungen auf 20% der Ursachen beruhen. Dieses Prinzip kann man in den meisten Lagern beobachten, wo 20% der Artikel 80% des gesamten Warenwerts ausmachen. Nutzbar machen kann man sich diesen Zusammenhang zum Beispiel, wenn mal wieder die jährliche Inventur ansteht.

Viele Unternehmen setzen hierbei auf die Vollinventur zum Stichtag oder eine permanente Inventur. Beides bedeutet, dass jeder Artikel im Lager mindestens einmal voll gezählt werden muss. Das Ganze ist mit einer Menge Zeitaufwand, Personalaufwand und Kosten verbunden. Das muss aber nicht sein, wenn man sich auf das Pareto-Prinzip stützt. Die Lösung heißt Stichprobeninventur, eine Inventurvereinfachung, die gesetzlich anerkannt ist und auch von Wirtschaftsprüfern akzeptiert wird.

Die bei der Stichprobeninventur verwendeten Schätzverfahren machen sich das Pareto-Prinzip zu Nutze. Da eine relativ kleine Zahl von Artikeln den Löwenanteil des Gesamtwarenwertes ausmacht, ist es wichtig, einen besonderen Fokus auf genau diese Artikel zu legen. In diesem Bereich kann ein kleiner Zählfehler große Auswirkungen auf das Gesamtergebnis haben, ganz im Gegensatz zu der großen Menge an kleinpreisigen Artikeln, wo ein solcher Fehler bezogen auf das Gesamtergebnis relativ insignifikant sein wird.

Bei der Stichprobeninventur wird ein Vollaufnahmebereich definiert, der die hochpreisigen Artikel enthält und in welchem – wie der Name schon sagt – jeder einzelne Artikel gezählt wird. In der Praxis umfasst dieser Bereich häufig eher 50% des Gesamtwarenwertes als die idealen 80%. Doch je mehr „Pareto-Qualitäten“ das Lager hat, desto kleiner wird der Vollaufnahmebereich.

Der Rest der Artikel macht der Stichprobenbereich aus, welcher in verschiedene Werte-Schichten eingeteilt wird, um Varianzen zu vermeiden. Aus diesen Schichten werden dann die Stichproben gezogen.pareto


Stichprobeninventur ist genauer als Vollaufnahme

Die Inventurergebnisse dieser Schichten werden schließlich auf den Gesamtwert der jeweiligen Schicht hochgerechnet. Durch die Kombination der Ergebnisse des Vollaufnahmebereichs und des Stichprobenbereichs erhält ein Unternehmen das vollständige Inventurergebnis, welches nicht nur mit weniger Aufwand zu bewerkstelligen ist im Vergleich zu anderen Methoden (da man nur 5 bis 15% aller Artikel zählen muss), sondern auch präziser.

Hier stellt so mancher die Frage wie das denn zusammenpasst: Stichproben sollen genauer sein? Tatsächlich ist das so, denn die „händische“ Aufnahme ist ziemlich fehleranfällig und die Tatsache, dass sehr viele Menschen involviert sind, sorgt dafür, dass sich Fehler vervielfachen. Der statistische Fehler, der durch die mathematische Herangehensweise produziert wird, ist wesentlich geringer – und die Ergebnisse werden besser, je größer das Lager ist.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung für den Einsatz der Stichprobeninventur und das ist eine maximale 2%-Differenz bei der letzten physischen Vollaufnahme. Falls man diesen Wert nicht erreicht, sollte man sich vorher Gedanken über ein effektives Bestandsmanagement machen.

Fazit

Was können wir nun von Signore Pareto für die Inventur lernen? Wenn die Bestandsgenauigkeit stimmt und die Lagerstruktur die Voraussetzungen des Pareto-Prinzips erfüllt, ist die Stichprobeninventur das ideale Verfahren, um Inventurkosten zu sparen.

Die Geschichte des Pareto-Prinzips ist aber nicht nur die Entdeckung eines ökonomischen Phänomens, sondern offenbart auch die Schöpfungskraft eines wachen Verstandes. Wenn Sie das nächste Mal in Ihrem Garten sind, blicken Sie sich doch einmal aufmerksam um. Vielleicht entdecken Sie dabei ja ein neues Prinzip, das Sie gewinnbringend für Ihre Lagerprozesse einsetzen können.

Und jetzt ein paar Fragen an die Leser: Welches Verfahren nutzen Sie zur Inventur? In welchen anderen Bereichen sind Sie schon einmal der Pareto-Verteilung begegnet?



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Über den Autor

  • Kai Keppner

    Kai Keppner arbeitet seit 2008 für die INFORM GmbH und schreibt hauptsächlich zu den Themen Absatzplanung, Bestandsoptimierung und Stichprobeninventur.

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