Frühjahrsputz in der Supply Chain

von Ludger Schuh

Nun kommt wieder die Zeit, in der viele Menschen verstärkt zum Putzeimer und Wischlappen greifen, ihren Kleiderschrank, den Dachboden oder die Garage entrümpeln. Mit dem Frühling verbinden die meisten hierzulande einen Neuanfang. Der Frühjahrsputz bietet die Gelegenheit, alle Dinge im Haus, die ein Jahr lang vernachlässigt wurden – wie die kleine Spalte neben dem Kühlschrank oder den staubigen Kartonstapel im Keller – wieder in Ordnung zu bringen. Der Frühjahrsputz ist übrigens kein originäres Brauchtum des stereotyp ordentlichen Deutschen, sondern ein kulturell übergreifendes Phänomen, das seit Jahrhunderten Bestand hat. Der Monatsname Februar kommt nicht ungefähr von „februare“, was so viel wie „reinigen“ bedeutet. Und so reinigen Christen z.B. nicht nur Haus und Hof, sondern betreiben in der Fastenzeit auch eine Art seelischen Frühjahrsputz.

Wäre das nicht auch der ideale Zeitpunkt, um einmal zu schauen, welche Prozesse im eigenen Unternehmen etwas Staub angesetzt haben?

Viele Prozesse sind aktuellen Herausforderungen nicht gewachsen

Typischerweise beginnt man einen Frühjahrsputz mit einer „Flächenreinigung“, man packt also erst die größeren Teilprojekte an. Bei der Supply Chain bedeutet das: Mit Abstand auf das große Ganze schauen.

Wurden in Ihrem Unternehmen für dieses Jahr gemeinsame Ziele für die Supply Chain vereinbart oder für jede Abteilung gesondert? Letzteres ist – sagen wir mal euphemistisch – nicht unüblich. Scheinbar ist es ja auch richtig, die verschiedenen involvierten Abteilungen an einschlägigen Kennzahlen wie den Verkaufsumsatz im Vertrieb oder die Auslastung der Kapazitäten in der Fertigung messen zu lassen. Wenn alle das Maximale aus ihrem Aufgabenbereich herausholen, kann das ja nur positiv für das Unternehmen sein. Oder etwa nicht?

Tatsächlich bietet sich einem äußeren Betrachter eine komplexe Gemengelage, in der die unterschiedlichen Kennzahlen sich gegenseitig beeinflussen. Und letztendlich ist es so: Eine Zielvorgabe, die für einen Bereich optimal ist, kann sich negativ auf die Zielvorgabe eines anderen Bereiches auswirken. Durch die Mehrstimmigkeit bei der Zielvorgabe wird „Silodenken“ gefördert, was sich schnell verfestigt und über die Jahre hinweg „Staub ansetzt“. In einer Zeit, in der Kundenerwartungen und Marktdruck höher denn je sind, kann das die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefährden. Besser also mit dem Frühjahrsputz bei den Prozessen beginnen, bevor es zu spät ist.

Supply Chains sollten integriert geplant werden

Meine Devise lautet hier: Wer optimal planen will, sollte komplexe Prozesse, wie die Abläufe entlang der internen Lieferkette, stets ganzheitlich und integriert planen. Wie man dahin kommt, hat meine Kollegin Kristina Pelzel in ihrem letzten Blogbeitrag beschrieben.

Zunächst gilt es die Aufbauorganisation im Unternehmen für die Integration fit zu machen. Nur wenn gemeinsame Ziele gesetzt und Kollaboration auch prozesstechnisch untermauert ist, kann die tatsächliche Integration der Supply Chain Prozesse stattfinden. Diese sollte dann zunächst funktional und horizontal entlang der Lieferkette erfolgen. Durch technische Verzahnung auf operativer Ebene, also von der Beschaffung, über die Produktion und Distribution bis hin zum Vertrieb, wird die Beantwortung von ganzheitlichen Fragestellungen erst möglich. Die Multi-Echelon Optimierung oder Simultane Produktionsprogrammplanung sind gute Beispiele für horizontal-integrierte Prozesse.

Durch eine vertikale Integration, z.B. mit Hilfe von „Sales & Operations Planning“ (S&OP), findet dann schließlich eine Verknüpfung strategischer Entscheidungen mit operativen Prozessen statt. Durch Simulation von Szenarien auf Basis der funktionalen Integration können Auswirkungen von strategischer Planung schon im Vorfeld transparent gemacht werden. Auf diese Weise entstehen Planungsvorgaben, die operativ auch tatsächlich umsetzbar sind.

Sind Sie an diesem Punkt angekommen, ist der gröbste Teil des Frühjahrsputzes geschafft. Dann kann es an die Details gehen.

Auch operative Prozesse sollten erneuert werden

Noch einmal kurz weg von der Analogie und zurück zum eigentlichen Frühjahrsputz in Ihrem Haus. Vorzugsweise in den hinteren Bereichen von Schränken oder Regalen findet man im Zuge der großen Erneuerung das ein oder andere abgelaufene Lebensmittel, welches dann leider „abgeschrieben“ werden muss. Auch Unternehmen, die Produkte mit Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) lagern, müssen regelmäßig Abschriften generieren und den nicht mehr verwendbaren Bestand ersetzen. Das ist auf der einen Seite teuer und gefährdet auf der anderen die eigene Lieferfähigkeit, wenn nicht rechtzeitig Nachschub produziert oder geordert wurde. Für solche Unternehmen ist das MHD ein wichtiger Faktor, der bei der Bestandsplanung berücksichtigt werden muss.

Aus diesem Grund haben wir für unsere Software add*ONE eine neue Komponente entwickelt, die sich genau dieser Aufgabe annimmt: Die Komponente „Mindesthaltbarkeit“ analysiert die Bestände auf bevorstehende Überschreitungen des Haltbarkeitsdatums, erzeugt automatisch eventuell notwendige Abschriften und macht ebenso automatisch Vorschläge für Nachbestellungen. Zusätzlich weist die Software frühzeitig auf kritische Bestandssituationen hin, so dass der Planer z.B. eine kurzfristige Verkaufsaktion starten kann.

Die neue Komponente ist eine von vielen Neuheiten unseres Add-on Systems, welche wir erstmals auf der LogiMAT 2015 vorgestellt haben. Mit dem neuen Release geben wir Ihnen eine ganze Reihe von Werkzeugen an die Hand, um Frühjahrsputz in Ihrem Bestandsmanagement zu betreiben. Die schlechte Nachricht: Putzen müssen Sie leider selbst.

Fazit

Keiner macht den Frühjahrsputz gerne, aber jeder freut sich im Nachhinein, wenn alles wieder blitzt und blinkt. Also: Bringen Sie Ihre Supply Chain wieder auf Vordermann. Der Vorteil im Vergleich zum Frühjahrsputz im Haus: Wenn Sie es richtig machen, müssen Sie nächstes Jahr nicht wieder ran.



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Über den Autor

  • Ludger Schuh

    Ludger Schuh († 19.06.2017) war Mitglied der Geschäftsleitung bei der INFORM GmbH. Von 1993 - 2016 war er verantwortlich für die Produkte aus dem Bereich Inventory and Supply Chain. Im Januar 2017 hat er die Aufgaben des zweiten Geschäftsführers der INFORM GmbH übernommen.

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