Fußball-EM in Frankreich – warum Integrierte Planung im Spiel ist

von Stefan Auerbach

Wenn Jogi Löw mit dem Spiel seiner Mannschaft zufrieden ist, dann spricht er auf der Pressekonferenz häufig davon, dass die Mannschaftsteile „gut ineinander gegriffen haben“ bzw. dass das „Spiel in die Tiefe“ gut geklappt hat. Im Grunde meint er damit, dass der Ball flüssig von der Abwehr über das Mittelfeld bis zum Sturm kombiniert wurde (Ausnahme: Im Fall von Manuel Neuer beginnt das Kombinationsspiel schon beim Torwart). Moderner erfolgreicher Fußball, wie zum Beispiel auch die deutsche Nationalmannschaft ihn praktiziert, setzt auf ein gut funktionierendes Mannschaftsgefüge, in dem alle Mannschaftsteile sich gemeinsam in Richtung des Balls verschieben. Die Zeiten, als die Abwehr sich um jeden Preis auf Verteidigung beschränkt und die Stürmer lediglich am Strafraum auf den langen Pass gewartet haben, sind längst vorbei.

Horizontales Kombinationsspiel zum Sieg

In der internen Lieferkette gibt es ähnlich zu den Mannschaftsblöcken in einem Fußballteam unterschiedliche Planungsbereiche, die primär erst einmal eigene Ziele verfolgen. Die Entscheidungsträger in Beschaffung, Produktion und Distribution schauen dabei in der Regel, dass ihr eigener Prozess möglichst optimal geplant wird. Während die Verantwortlichen in der Beschaffung beispielsweise ihre Lagerbestände möglichst gering halten wollen, möchte die Produktion häufig die Kapazitäten möglichst optimal auslasten. Die Frage ist: Reicht das für den Unternehmenserfolg? Glauben Sie, dass Thomas Müller sich überschwänglich über einen Hattrick freuen würde, wenn das Spiel am Ende mit 3:4 verloren geht?

Ein lokaler Erfolg kann schnell zu einer Niederlage für das Gesamtergebnis führen. Fehlt das richtige Zukaufteil im Lager, kann die Produktion nicht produzieren und der Kunde erhält seine Ware nicht rechtzeitig. Entscheidungen in den einzelnen Prozessen müssen mit Gesamtblick auf die gesamte Lieferkette getroffen werden, sonst sind Konflikte vorprogrammiert. Wie im Fußball müssen die Entscheidungsträger im Unternehmen als Team zusammenarbeiten, um durch einen optimalen Servicegrad die Zufriedenheit des Kunden sicherzustellen – das ultimative Ziel der gesamten Lieferkette.

Das kann allerdings nur erreicht werden, wenn alle Teildisziplinen dieses Ziel stets im Auge behalten, auch wenn sie dafür ihre eigenen Interessen zurückstellen müssen. Genauso wie die Integration ins Aufbauspiel erst einmal nicht im primären Interesse des Abwehrspielers ist und auch der Stürmer nicht intuitiv nachvollziehen wird, was das „hinten aushelfen“ mit Tore schießen zu tun hat. Nun ist es für den Stürmer noch relativ leicht zu erkennen, dass seine Mannschaft gerade ein Defensivproblem hat, für die Produktion ist es aber relativ schwierig, die Nebenbedingungen der Beschaffung in die eigene Planung einzubeziehen. Auch für viele IT-Systeme ist es eine große Herausforderung, dass sich die einzelnen Informationen häufig nicht so verknüpfen lassen, dass ein optimales Gesamtergebnis erreicht wird.

Anstatt eines einzelnen Systems arbeitet jeder Prozess häufig mit einer eigenen spezialisierten Software – die IT-Landschaft in Unternehmen gleicht dabei einem Flickenteppich. Mit einer Integration auf Prozessebene ist es also nicht getan, auch bezogen auf die IT muss die Planung zusammengeführt werden. Mittlerweile gibt es Systeme, die sämtliche Nebenbindungen aller Teilprozesse in die Berechnung der Planung einbeziehen und so den Verantwortlichen in Ihren Entscheidungen den Blick über den Tellerrand ermöglichen. Eine auf diese Weise durchgeführte, ganzheitliche Planung führt zu sinkenden Lagerbeständen (bei hoher Verfügbarkeit) sowie einer robusten, optimalen Produktionsplanung und sorgt dabei als übergreifendes Ziel für einen optimalen Servicegrad zum Endkunden.

Außerhalb des operativen Spielfeldes ist vertikale Integration gefragt

Was ich hier am Beispiel eines Fußballteams auf dem Rasen beschrieben habe, bezeichnet man als horizontale Integration, die sich hauptsächlich mit dem operativen Geschäft befasst. Natürlich muss man auch die strategische Komponente bedenken, die von einer strategischen Langfristplanung über eine mittelfristige Budgetplanung bis in die operative Ebene hineinreicht. Auch hier ist es – sei es im Fußball oder im Unternehmen – grundsätzlich das Ziel, dass eine Planung im Gleichklang erfolgt. Stellen Sie sich vor, dass der DFB z.B. den Gewinn der Europameisterschaft in Frankreich als Ziel ausgegeben hat, Torwarttrainer Andi Köpke aber beschlossen hat, gänzlich auf Elfmetertraining zu verzichten. Oder der Teamarzt die Verletzung eines Spielers als zu gravierend einschätzt, Jogi Löw ihn aber trotzdem für das nächste Spiel fest einplant, weil er diese Information nicht bekommen hat.

Während man eigentlich eine solche Situation als undenkbar für die Nationalmannschaft hält, scheinen derartige Denkverbote für Unternehmen aufgehoben zu sein. Planungen finden in unterschiedlichen Detailtiefen in einer Vielzahl von Excel-Tabellen statt, die zudem häufig noch auf einer unterschiedlichen Datenbasis beruhen. Eine Aggregation eines solchen mehrdimensionalen Planungsraumes ist für den einzelnen Entscheider extrem schwierig, die tatsächliche Planungssituation im Unternehmen bleibt intransparent. Ein Informationsfluss, der die vertikale Planungsachse im Gleichklang hält, ist auf diese Weise praktisch unmöglich.

Die Lösung ist ähnlich wie bei der horizontalen Integration ein IT-System, was kollaborativ von allen vertikalen Planungsstufen genutzt wird. Regelbasiert können in einem solchen System mit einer einzigen Datenbasis Verantwortlichkeiten abgebildet und Planzahlen entsprechend dieser Regeln für jede Planungsdimension berechnet werden. Auf diese Weise werden zum einen operative Prozesse optimal an strategischen Entscheidungen ausgerichtet, zum anderen ist die aktuelle Situation im Unternehmen jederzeit einsehbar, bis hinauf zur Chefetage.

Fazit

Was Integrierte Planung angeht, sollten sich viele Unternehmen ein Beispiel an der DFB-Elf mitsamt Trainerstab nehmen. Ähnlich wie Jogi Löw das moderne Spiel der Fußball-Nationalmannschaft geprägt hat und damit letztendlich sogar Weltmeister wurde, können auch Entscheider im Unternehmen in ihren Prozessen ein modernes und erfolgreiches Konzept umsetzen. Das sollte in den Köpfen ihrer „Spieler“ beginnen und dann mit einem geeigneten IT-System fortgesetzt werden.  Es sei denn, Sie haben Manuel Neuer im Team, dem Chuck-Norris-Mythos des Fußballs – der integriert alle Teamfunktionen in sich und gewinnt das Spiel an guten Tagen praktisch alleine. Bevor Sie den aber beim FC Bayern München auslösen, versuchen Sie es lieber mit intelligenter Software.

 

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich.

Im ersten Teil zeigt Michael Fredel auf, welche Zusammenhänge zwischen Sport-Großereignissen und den Absätzen bestimmter Produkte bestehen und wie Unternehmen damit am besten umgehen sollten.

Im nächsten Teil versucht sich Kristina Pelzel in einem Gedankenspiel, bei dem Jogi Löw sich um wirklich jedes Detail der EM-Organisation kümmern muss und dabei dem Disponenten im Lager gar nicht so unähnlich ist.



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Über den Autor

  • Stefan Auerbach

    Stefan Auerbach ist seit 2015 bei der INFORM GmbH tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Themenschwerpunkt Simultane Produktionsplanung.

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