Ich hab da mal was vorbereitet – Produktions­planung in Serienfertigung und Küche

von Kai Keppner

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es aussehen würde, wenn man Planungsmethoden aus dem beruflichen in den privaten Alltag überträgt? Was im Großen ganz gut funktioniert, müsste auch sehr viel schmalere Prozesse einfach im Griff haben, oder? Manchmal offenbart sich bei so einem Transfer aber auch die Schwachstelle der gelebten Praxis im Unternehmen. Nehmen wir einfach mal das Beispiel Material Requirement Planning (MRP) in der Serienfertigung und versuchen danach zu kochen.

Sukzessives Kochen nach MRP

Stellen Sie sich vor, Sie möchten eine Gruppe von vier Personen am Wochenende zum Essen einladen. Sie suchen sich eines Ihrer Lieblingsrezepte aus und fangen dann – unter der Annahme, dass Sie alle Zutaten im Haus haben, weil Sie das Gericht regelmäßig kochen (schließlich sind Sie Serienfertiger) – genau 90 Minuten vor Eintreffen des Besuches mit der Zubereitung an. Dabei handelt es sich um Ihren persönlichen Erfahrungswert, den Sie sich neben das Rezept geschrieben haben. Das Rezept selbst besteht aus einer Anzahl von Arbeitsabfolgen, denen Sie ebenfalls genaue Minutenzahlen zugeordnet haben (Ihre Durchlaufzeiten).

Während die Suppe zur Vorspeise bereits im Topf brodelt, stellen Sie fest, dass Sie doch tatsächlich einige wichtige Zutaten für den Hauptgang nicht im Haus haben und eilen daher noch einmal schnell zum Supermarkt, um exakt so viel einzukaufen, wie es im Rezept gefordert ist. Bei Ihrer Ankunft zuhause begrüßen Sie bereits Ihre hungrigen Gäste, deren Anzahl sich überraschenderweise um eine Person erhöht hat (Ihr Onkel Helmut hatte eigentlich abgesagt, kommt in diesen Fällen aber häufig dennoch). Erneut eilen Sie zurück zum Supermarkt und füllen Ihre Zutatenbestände um ein Vielfaches der eigentlich benötigten Menge auf, um für zukünftige Ereignisse dieser Art gewappnet zu sein.

Zurück in Ihrer Küche angekommen, hat sich die Suppe bereits in Wohlgefallen aufgelöst. Sie beginnen mit diesem Schritt also von neuem und versuchen sich parallel am Hauptgang. Leider müssen Sie dabei feststellen, dass Sie weder ausreichend Töpfe noch Herdplatten haben (auch ohne die Suppe), um das Rezept wie beschrieben zu realisieren. Der gut durchnummerierte Plan der Arbeitsabfolgen ist an dieser Stelle schon nicht mehr zu gebrauchen. Sie improvisieren also, sind dabei aber zur permanenten Umplanung genötigt, was den gesamten Prozess weiter verzögert. Ihre Probleme verschärfen sich, als eine der Herdplatten ihren Geist aufgibt (hatte Ihr Partner Sie nicht gestern noch vor dieser Platte gewarnt?) und gleichzeitig Ihr hungriger Sohn zu seinem üblichen Wochenendbesuch vorbeischaut. Als Sie schließlich doch nach vielen Stunden fertig sind, sind Ihre enttäuschten Gäste schon gegangen. Missmutig essen Sie Ihre Portion und beschließen, dieses Rezept nie wieder zu kochen. Die zur Sicherheit gekauften Mehrzutaten richten sich derweil auf eine zukünftige Mitgliedschaft in der Entsorgungskette ein.

Sie halten dies für einen ziemlich unwahrscheinlichen Ablauf? Sie würden vorher die Verfügbarkeit ihrer Zutaten prüfen? Sie würden vielleicht sogar das Rezept der Kapazität Ihrer Herdplatten anpassen oder sich zusätzliche Töpfe besorgen? Vielleicht würden Sie auch viel früher mit der Zubereitung beginnen?

Stimmt, in der Praxis würde so eine Einladung zum Essen sicherlich anders ablaufen. In der Produktionsplanung ist ein solches Vorgehen allerdings überraschenderweise an der Tagesordnung.

Simultanes Kochen nach SPPP

Doch es geht auch ganz anders: Die Simultane Produktionsprogrammplanung (SPPP) prüft bereits ganz am Anfang der Planung, ob Material verfügbar ist und ob sich die Fertigungslose auch im geplanten Zeitraum auf den Produktionskapazitäten realisieren lassen. Das geschieht in einem Schritt – simultan statt sukzessiv.

Neben der gleichzeitigen Betrachtung aller relevanten Faktoren gibt es bei SPPP einen weiteren grundsätzlichen Unterschied zum MRP-Konzept. Wenn Sie Ihre Produktionsplanung Schritt für Schritt nach MRP abarbeiten, erhalten Sie am Ende vermeintlich minutengenau geplante Arbeitsschritte. Wenn Sie das auf das Kochen übertragen, würde das bedeuten, dass Sie fünf Minuten für das Schneiden der Tomaten haben, 2 Minuten für das Abschmecken usw. Und das Ganze in einer bestimmten Reihenfolge. Sie planen also mit einer Genauigkeit, die in der Praxis regelmäßig zu Umplanungen führt und auch gar nicht notwendig ist.

Die SPPP folgt dagegen der so genannten Bucketplanung. Das heißt, dass Sie machbare Zeitintervalle (Buckets) planen. Das ist zwar insgesamt gröber, aber leichter umzusetzen. In welcher Reihenfolge Sie das Gemüse schneiden oder eine Sauce ansetzen, ist am Ende eine triviale Planungsaufgabe, die Sie in der Küche spielerisch leicht erledigen. Und das Wichtigste ist: Sie liefern das fertige Produkt zum gewünschten Termin.

Wenn Sie nach SPPP gekocht hätten, dann hätten Sie gewusst, ob Sie alle Zutaten für Ihr Lieblingsrezept für die erwarteten (und nicht etwa nur die eingeladenen) Gäste zu Hause haben. Sie hätten sich auch keine hohen Sicherheitsbestände in den Vorratsraum gelegt, die im MRP-Konzept üblicherweise die Verfügbarkeit sicherstellen sollen (und dann ggf. verfallen). Auch wäre Ihnen vorher klar gewesen, dass Sie ein Kapazitätsproblem auf dem Herd haben und das Rezept für die Personenzahl gar nicht in dem von Ihnen geplanten Zeitraum kochen können. Sie hätten daher deutlich früher mit dem Kochen angefangen. Und am Ende hätten Sie Ihren Gästen punktgenau das Essen servieren können und sich Ihr verdientes Lob für Ihre Kochkünste abgeholt.

Fazit

Wenn Sie in der Küche Ihr Lieblingsrezept kochen, machen Sie das sehr wahrscheinlich nach einem Prinzip, dass der SPPP sehr ähnlich ist. Im Sinne Ihrer Gäste würde ich Ihnen vorschlagen, weiter daran festzuhalten. Im Sinne der Produktionsplanung im Unternehmen würde ich darüber nachdenken, ob es nicht Zeit ist, mit Traditionen zu brechen.

Auf welche Weise planen Sie Ihre Produktion? Fallen Ihnen andere Beispiele ein, wo Prozesse im privaten Alltag besser laufen als im Unternehmen? Ich freue mich auf Ihre Antworten bzw. Kommentare!



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