Industrie 4.0 zum Anfassen

von Stipo Nad

Etliche Artikel, Diskussionsrunden und Initiativen bewegen sich zurzeit um einen Trend: Industrie 4.0. Die vierte industrielle Revolution war auch das Hauptthema auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos in der Schweiz. Entgegen der mittlerweile schon jahrelangen Präsenz in den Medien scheint ein Abklingen des Interesses an Industrie 4.0 also keinesfalls in Sicht, das Thema nimmt eher Fahrt auf.

Trotz des regen Interesses gibt es noch keine allgemeingültige Definition oder eine konkrete Aussicht, wohin diese Revolution führen wird. Klar ist: mit ihr geht die Digitalisierung der Wirtschaft einher, doch die Umsetzung steckt noch in den Kinderschuhen. Grob umschrieben steht der Begriff Industrie 4.0 für eine Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette auf einer neuen Ebene. Basis für den gesamten Wandel sind alle relevanten Echtzeit-Daten, um Menschen, Objekte und Systeme miteinander zu verbinden und eine „Kommunikation" unter ihnen zu ermöglichen, durch die neue Optimierungspotenziale entstehen.

Meiner Meinung nach ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, eine allgemeingültige Handlungsempfehlung für den Weg in die Industrie 4.0 auszusprechen, da jedes Unternehmen individuelle Herausforderungen bewältigen und den optimalen Weg für sich finden muss. Gerade in Branchen, wie dem Maschinen- und Anlagenbau, sind die Anforderungen an eine Automatisierung hoch und erfordern den Einsatz (entscheidungs-)intelligenter Systeme. Sondermaschinenbauer sowie Einzel- und Kleinserienfertiger sind meist Unternehmen mit komplexen Fertigungs- und Planungsprozessen und benötigen daher geeignete Planungswerkzeuge, um überhaupt im Sinne der Industrie 4.0 effizient fertigen zu können.

Der aktuelle Stand

Der Stellenwert von Digitalisierung und Industrie 4.0 auf der aktuellen Themenagenda ist hoch, dennoch zögern viele deutsche Unternehmen noch mit Investitionen in konkrete Anwendungen, obwohl sich aus der Bewegung ein hohes wirtschaftliches Potenzial ergeben kann. Vor allem im Bereich Maschinen- und Anlagenbau spielt das Thema eine wichtige Rolle, doch defensives Denken und Angst vor dem Ungewissen hemmen die gesamte deutsche Wirtschaft. Nichtsdestotrotz ist Deutschland im internationalen Vergleich hinsichtlich Industrie 4.0 gut aufgestellt - sowohl als Anwender als auch als Anbieter von intelligenten Lösungen - allerdings befinden sich auch andere Länder bereits in der Umrüstungsphase.

Viele Maschinenbauer setzen heute noch herkömmliche ERP-Systeme ein, die die Entscheidungsfrage, wann welche Fertigungsschritte mit welchen Ressourcen und zu beschaffendem Material realistisch einzuplanen sind, nicht berücksichtigen. Ihre Beantwortung ist jedoch ausschlaggebend, um kurze Produktionszyklen mit minimalem Umlaufbestand und hoher Termintreue zu realisieren. Systeme, die in Richtung Industrie 4.0 denken, planen daher im Gegensatz zu ERP-Lösungen mit begrenzten Kapazitäten. So kann die Planung optimiert und Rückstände aufgelöst werden.

Die Praxis

So vage und unerreichbar die Industrie 4.0 auch scheinen mag, gibt es tatsächlich schon Beispiele von deutschen Maschinen- und Anlagenbauern, die ihre Fabrik Schritt für Schritt in eine „Smart Factory" umrüsten. Dort werden Materialflüsse intelligent gesteuert und die Effizienz auf diese Weise maximiert. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist Transparenz: alle Prozesse müssen jederzeit für die Verantwortlichen einsehbar sein, sodass Doppelarbeiten und unnötige Arbeitsgänge verhindert werden. Eine intelligente Optimierung ermöglicht eine bereichsübergreifende Synchronisation aller Termine mit den Marktanforderungen. Aber wie arbeiten solche intelligenten Systeme nun in der Praxis? Wie kann man sich die operative Umsetzung von Industrie 4.0 in der Fabrik selbst vorstellen?

Einen praxisorientierten Einblick in die Industrie 4.0 bieten beispielsweise unsere Praxistage im Maschinen- und Anlagenbau zwischen Februar und März. Renommierte Sondermaschinenbauer wie Schuler oder Eickhoff Maschinenfabrik laden dazu ein, ihr Konzept von Industrie 4.0 live zu erkunden. Besonders wertvoll sind neben einer Besichtigung der Produktionshallen vor allem der Erfahrungsaustausch mit den Projektbeteiligten und den Anwendern der Systeme.

Gerade in Hinblick auf die Angst, die viele Beschäftigte mit der vierten industriellen Revolution verbinden - den Verlust ihres Arbeitsplatzes - ist der Einblick in die Praxis von großem allgemeinem Interesse. Laut neuster Prognosen sollen bis 2020 fünf Millionen Jobs mit der Weiterentwicklung der Industrie 4.0 verschwinden, ein Blick auf die heutige Erfahrung jedoch zeigt: Intelligente Systeme sorgen für mehr Effizienz in der Arbeit und die Anforderungsprofile der Mitarbeiter verschieben sich. Dennoch bleibt der Mensch unersetzbar.

Fazit

Noch scheint die Industrie 4.0 oft unerreichbar, obwohl sie in einigen deutschen Unternehmen tatsächlich schon „zum Greifen nah" ist. Veranstaltungen, wie Praxistage bieten die Möglichkeit, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen und ein Bild davon zu bekommen, wie die Anwendungen in der Praxis umgesetzt werden. Durch den gemeinsamen Austausch werden innovative Lösungen häufig vorangetrieben und gegebenenfalls auch Hemmnisse sowie Ängste eliminiert.

Haben Sie bereits erste Schritte in Richtung Industrie 4.0 getan? Was sind Ihre Erfahrungen in der Digitalisierung von Produktionsprozessen?



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Über den Autor

  • Stipo Nad

    Stipo Nad ist seit 2001 bei der INFORM GmbH tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themenschwerpunkten Advanced Planning & Scheduling, Produktionsplanung sowie Business Intelligence.

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