Ist ein dynamisches Zeitfenstermanagement wirklich eine sinnvolle Lösung für Staus im Werk?

von Oliver Graf
Headerbild: Milos Muller/shutterstock.com

Die Zeitfensterbuchung bietet für Spediteure und produzierende Unternehmen eine unkomplizierte Möglichkeit, ihre Lkw-Anlieferungen und -Abholungen intelligent zu steuern und Verzögerungen sowie hohe Lkw-Durchlaufzeiten im Werk durch verspätetes Material oder Staus zu vermeiden. Ein intelligentes Zeitfenstermanagement verwaltet die Ladestellen und die nötigen Kapazitäten zentral und optimiert so die Ressourcenauslastung nicht nur auf Werksebene, sondern auch auf Wunsch bis hinunter zu jeder Ladestelle des Warenein- und -ausgangs.

Seit einiger Zeit ist auch dynamisches Zeitfenstermanagement ein Thema in der Logistikbranche. Hierfür werden die Systeme mit Trackingsystemen verbunden, welche die Lkw in Echtzeit verfolgen und dementsprechend genaue Informationen über den Aufenthaltsort der Fahrzeuge und deren Ankunft im Werk haben. Durch eine dynamische Ankunftszeitberechnung werden dem Rampenbetreiber automatisch und präzise die Ankunftszeit der Lkw im Rahmen eines gebuchten Zeitfensters übermittelt. Die Theorie dahinter: Wenn der Lkw nicht pünktlich eintrifft (oder doch), wird die neue Ankunftszeit direkt an das System und das Werk übermittelt. Schwer absehbarer Verkehrsstau oder ähnliche Zwischenfälle, die schnell zu Verzögerungen führen können, werden automatisch einkalkuliert. Ziel dieses Vorgehens ist es, flexibel auf Verzögerungen reagieren zu können.

Die Probleme

Für Zeitfenstersystembetreiber und auch für Spediteure klingt diese Möglichkeit zunächst plausibel und sicher auch verlockend. Reduzierte Datenpflege und stets aktuelle Daten durch die durchgängige Synchronisation der Systeme sind attraktive Versprechungen. Jedoch birgt dieser Ansatz auch ein paar Schwierigkeiten. Stoßzeiten, wie beispielsweise im Handel die Mittagszeit, können mit dieser Buchungsweise nicht abgefangen werden. Denn eine Entzerrung dieser Hauptzeiten für die Anlieferungen und Abholungen bieten dynamische Zeitfenster nicht. Schließlich braucht es dennoch Personal und Rampen, um die Lkw abzuwickeln. Und nur weil ein Zeitfenster dynamisch ist, bedeutet das nicht, dass es nicht genau in eine Stoßzeit fällt.

Wenn alle Zeitfenster immer unmittelbar an die neue Estimated Time of Arrival (ETA) angepasst werden, kann es dann trotzdem zu Stausituationen vor dem Werk und an den Ladestellen kommen. Denn die Lkw können ja dennoch gleichzeitig eintreffen - laut Ansatz kann ein Spediteur auch wenn er sich zum Beispiel verspätet, sein Zeitfenster faktisch gar nicht mehr verpassen. Somit werden weder Stoßzeiten noch Stau verhindert.

Die Lösung

Der Ansatz ist dementsprechend nicht zu Ende gedacht. Die Anpassung der Zeitfenster auf die tatsächliche Situation allein ermöglicht hier keine effiziente Lkw-Abwicklung. Dies ist nur ein Aspekt einer guten und praxisnahen Lösung. Vielmehr kommt es auch darauf an, die eintreffenden Lkw auf Basis eines Regelwerks und ihrer tatsächlichen Prioritäten abzufertigen, um so auch in Stausituationen einen transparenten und fairen Abfertigungsprozess mit möglichst geringen Warte- und Durchlaufzeiten zu gewährleisten. Ansonsten hat man bis auf die Transparenz hinsichtlich des tatsächlichen Ankunftszeitpunktes nichts gewonnen.

Eine Entzerrung und Senkung der Warte- und Durchlaufzeiten ist somit nur möglich, wenn die Lkw entsprechend ihrer tatsächlichen Rangfolge abgewickelt werden. Diese kann sich neben der eigentlichen Zeitfensterdauer aus vielfältigen, weiteren Kriterien ergeben, wie zum Beispiel

  • dem abzuholenden oder anzuliefernden Material und der entsprechenden Einhaltung von Produktions- und Anlieferterminen
  • vertraglichen Vereinbarungen mit den Spediteuren (z.B. Standgeldvereinbarungen),
  • der Bedeutung des hinter der Lieferung stehenden Kunden oder Lieferanten,
  • der Anzahl der anzufahrenden Ladestellen,
  • oder aus dem Gesamtprozess, der neben der reinen Ladetätigkeit zusätzlich Tätigkeiten wie Verwiegungen oder Prüflistenabläufe beinhalten kann.

Alleine diese wenigen Beispiele zeigen, wie viele Einflussfaktoren eine Rolle bei der Lkw-Abwicklung eines Handels- oder Industriebetriebes spielen und wie vielschichtig der Prozess der Be- und Entladungen für die Sicherstellung möglichst geringer Warte- und Abwicklungszeiten sein kann.

Intelligente Lösungen, die auf Basis von Künstlicher Intelligenz (KI) und Operations Research (OR) Methoden in der Lage sind, die Vielzahl an Einflussfaktoren entsprechend ihrer jeweiligen Gewichtung zu berücksichtigen, bieten hier einen tatsächlichen, realen Mehrwert. Sie kombinieren ETA-Informationen mit wissens- und regelbasierten KI- und OR-Methoden, und ermöglichen somit im Ergebnis einen effizienten Gesamtprozess, bei dem nicht nur die voraussichtliche Ankunftszeit, sondern gleichzeitig auch ergänzende Parameter wie die oben beschriebenen intelligent berücksichtigt werden. Wie ein Autopilot steuern diese Systeme den Gesamtprozess in Echtzeit, so dass nur in wirklichen Ausnahmefällen manuell in die Ladestellensteuerung eingegriffen werden muss.

Das Grundprinzip intelligenter Steuerungssysteme besteht unter anderem auch darin, eintreffende Lkw erst nach ihrer tatsächlichen Ankunft in der Echtzeit-Steuerung zu berücksichtigen, im Falle verspäteter Ankunft dann mit entsprechend nachrangiger Priorität. Wichtig dabei: Dies muss nicht automatisch bedeuten, dass diese Lkw kontinuierlich an das Ende der Warteschleife bzw. Perlenkette geschoben werden, da intelligente Steuerungssysteme eben jene Lkw wieder dynamisch in den Gesamtprozess eintakten können. Mit zunehmender Wartezeit nimmt die Priorität dieser Lkw also wieder zu, so dass ein effizienter Gesamtprozess gewährleistet ist. Aber auch Veränderungen der Gesamtsituation durch Lkw, bei denen aufgrund der ETA-Berechnung bereits frühzeitig klar ist, dass sie ihr gebuchtes Zeitfenster nicht pünktlich erreichen werden, werden in der Optimierung unmittelbar berücksichtigt, zum Beispiel indem ein anderer, bereits eingetroffener Lkw vorgezogen wird. Ein solcher Ansatz ist somit sehr viel realitätsnäher und wird den tatsächlichen Gegebenheiten in den Werken gerecht.

Fazit

Es gibt verschiedene Ansätze, die Lkw-Zulaufsteuerung und das Zeitfenstermanagement intelligent zu planen. Der Ansatz der dynamischen Zeitfensterbuchung bildet zwar die aktuelle Situation der Lkw ab, verhindert aber keine Stoßzeiten im Werk und dementsprechend werden Wartezeiten nicht reduziert. Da Stoßzeiten durch dynamische Zeitfenster nicht vermieden werden, bieten sie aus meiner Sicht keine Lösung für Staus im und vor dem Werk. Sinnvoller ist eine flexible Optimierung der Zeitfenster entsprechend der realen Gegebenheiten im Werk. Erst dann haben lange Wartezeiten im Werk ein Ende.

Wie werden in Ihrem Unternehmen Zeitfenster gebucht? Welchen Ansatz verfolgen Sie für die Optimierung Ihrer Lkw-Zulaufsteuerung?



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Über den Autor

  • Oliver Graf

    Oliver Graf arbeitet seit 2010 bei der INFORM GmbH und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themen Zeitfenstermanagement, Lkw-Zulaufsteuerung, Echtzeitsteuerung und Transportplanung.

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