Kaizen: alter Hut oder Wegweiser in eine nachhaltige Zukunft?

The old treasure chest sunk under the sea. The light shone out of the treasure chest. Under the sea atmosphere, there are rocks, sand, and treasure chest buried. 3D Rendering
(c) Getty Images - Chinnachart Martmoh

Kaizen bedeutet „Veränderung zum Besseren“. Ursprünglich bezeichnete es eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie. Weltweit bekannt wurde es als Management-Konzept mit dem Namen „Kontinuierlicher Verbesserungsprozess“ (KVP). Kern des Ansatzes ist die schrittweise Perfektionierung oder Optimierung eines Produktes oder Prozesses. Dabei spielen zwei Ideen eine große Rolle:

  • Muda: Die Beseitigung jeglicher Verschwendung, sinnloser Tätigkeit sowie des nicht Vorhan­denseins von Sinn oder Nutzen
  • Jikoda: Qualität im Produktionsprozess entsteht durch standardisierte Arbeitsabläufe, Produktionsstopp bei Abweichungen sowie Fehlervorbeugung und Fehlervermeidung

Der Grundgedanke „Veränderung zum Besseren“, der die Entwicklung von Kaizen motiviert hat, ist derzeit auch auf der größtmöglichen Bühne präsent, nämlich der globalen Forderung nach Nachhaltigkeit im Rahmen der UN Agenda 2030.

UN Agenda 2030: Zukunftssicherung für die Menschheit

Im Jahr 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Agenda 2030 mit dem Titel: „Transformation unserer Welt“. Sie enthält die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung differenziert in 169 Unterziele. Diese Ziele adressieren alle globalen Herausforderungen, denen sich die Menschheit in den kommenden Jahren stellen muss, um für alle heute und in Zukunft gutes Leben in den Grenzen des Planeten zu ermöglichen.

Wie erreichen wir diese Ziele? Können bewährte Methoden und Denkansätze weiterhelfen?

Just-in-Time: nur das produzieren, was benötigt wird

Ein sehr verbreiteter Kaizen-Ansatz ist das Just-in-Time-Prinzip: Nur das, was auch tatsächlich zur Erfüllung der Kundenaufträge benötigt wird, wird produziert. Dabei werden folgende Prinzipien berücksichtigt:

  • Fertigung nach Auftrag ist die strategisch-operative Produktionsweise, bei der ein Produkt - im Gegensatz zur Lagerfertigung - erst nach der Bestellung des Kunden hergestellt wird.
  • Heijunka ist eine Methode der Arbeitsplanung, die zu einer Nivellierung des Produk­tions­­flusses führt. Ohne Nivellierung ist marktsynchrone Produktion nicht möglich.
  • Kanban ist eine Methode der Prozesssteuerung, die ausschließlich am tatsächlichen Verbrauch von Materialien am Bereitstell- und Verbrauchsort orientiert. Sie ermöglicht eine Reduktion der lokalen Bestände in der Produktion.
  • Flexibel einsetzbare, gut ausgebildete Mitarbeiter gestalten Just-in-Time Produktion.

Es geht also um die Vermeidung von Verschwendung und die zielgenaue Produktion dessen, was wirklich gebraucht wird. Es geht auch darum, Komplexität so zu strukturieren, dass jeder versteht, welche Prozessschritte wirklich notwendig und sinnvoll sind und alles Unnötige wegzulassen. Dies ist auch das Kernanliegen des 12. UN-Nachhaltigkeitsziels.

UN-Nachhaltigkeitsziel 12: nachhaltige Produktion und Konsum

Unser Planet ist nur begrenzt belastbar. Derzeit konsumieren wir in Deutschland umgerechnet rund 3 Erden, weltweit mehr als die 1,7 Planeten. Daher müssen wir unseren Konsum und unsere Produktionsmethoden anpassen. Dieses Thema wird im 12. Ziel der Agenda 2030 adressiert. Seine 8 Unterziele lauten:

12.1 Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster

12.2 Natürliche Ressourcen schonen

12.3 Weniger Nahrungsmittel verschwenden

12.4 Abfälle verantwortungsvoll entsorgen

12.5 Müll vermeiden & recyceln

12.6 Verantwortungsvolle Unternehmen

12.7 Nachhaltiges Beschaffungswesen

12.8 Aufklärung & Bewusstseinsbildung

Wie man sieht, gibt es zwischen den Unterzielen von SDG 12 und den Grundideen von Kaizen einige Gemeinsamkeiten. Beide fordern Vermeidung von Verschwendung, setzen auf Verantwortungsbewusstsein und gute Qualifikation der Menschen sowie auf nachhaltige Produktionsmuster.

Entwicklungen der letzten 40 Jahre

Was ist heute anders als 1978? In diesem dem Jahr veröffentlichte Taiichi Ohno in Japan sein Buch über das durch Kaizen geprägte „Toyota Produktions System“. Seit seiner Übersetzung ins Englische 1988 revolutioniert es das Qualitätsdenken und Effizienzstreben in Produktion und Logistik. Vier Entwicklungen sind hier von Bedeutung:

  • Weltbevölkerung: 1978 – 4,3 Milliarden; heute: 7,65 Milliarden à wir leben auf einem vollen Planeten mit stark gestiegenem Ressourcenbedarf
  • Globalisierung: Ende der 1970er Jahre war die Wirtschaft noch weitgehend regional und national organisiert. Heute leben wir in einer stark vernetzten, globalisierten Welt. Dadurch hat die Komplexität, mit der Unternehmen umgehen müssen deutlich zugenommen.
  • Digitalisierung und Verfügbarkeit von Daten: 1978 wurden kaum Daten über Produktions- und Logistikprozesse gesammelt. ERP-, PPS- oder BI-Systeme gab es noch nicht. Heute verfügen wir über Big Data und eine große Bandbreite branchenspezifischer Softwarelösungen, die Produktions- und Logistikprozesse unterstützen.
  • Nachhaltigkeit: Der Brundtland-Report, in dem die Idee „nachhaltige Entwicklung“ definiert wird, wurde erst 1987 veröffentlicht. Heute wissen wir, dass wir auf eine Art und Weise wirtschaften, die sowohl ökologisches als auch soziales Kapital vernichtet.

Zu einer nachhaltigeren Welt mit Kaizen und Digital Decision Making

Lange haben sich die Mega-Trends Nachhaltigkeit und Digitalisierung parallel entwickelt. Dies änderte sich in Deutschland sichtbar Mitte 2019 mit der Veröffentlichung des Gutachtens „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesrepublik Deutschland zu globalen Umweltveränderungen (WBGU).

Zudem beschleunigt Corona seit Beginn 2020 die Digitalisierung in vielen Lebensbereichen. Die Pandemie zwingt uns darüber nachzudenken, wie wir zukünftig den Alltag so gestalten können, dass alle gut in den Grenzen des Planeten leben können. Es ist deutlich: Die Welt nach Corona wird nicht mehr so sein wie die Welt vor Corona. Wie wird sie aussehen?

Mathis Wackernagel, der Gründer des Global Footprint Network fragte kürzlich in einem Webinar: „Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten: per Design oder per Desaster?“ Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand: Es ist besser die Zukunft aktiv zu gestalten, als immer wieder von Pandemien und anderen Krisen zum Reagieren gezwungen zu werden.

Hier kann digitales Entscheiden helfen, der Lebens- und Arbeitsphilosophie des Kaizens, „kontinuierliche Veränderung zum Besseren“, die Gestalt des 21. Jahrhunderts zu verleihen. Kern des digitalen Entscheidens ist die „Hybrid AI“:

  • Mathematische Modelle werden genutzt, um komplexe Planungs- und Prozess­steuerungsaufgaben kontextbezogen in konkrete Optimierungsziele zu übersetzen. Diese Ziele können rein ökonomisch sein, oder auch zusätzlich ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen.
  • Lernende Algorithmen und andere KI-Methoden werden genutzt, um mit allen relevanten verfügbaren Daten Entscheidungsempfehlungen hinsichtlich der komplexen, oft hochdynamischen Optimierungsziele zu ermitteln.

Einkäufer, Produktionsplaner, Disponenten, Logistiker und viele andere werden dabei unterstützt, ressourcenschonend zu produzieren und ihre Produkte kosten- und klimagünstig zu ihren Kunden zu bringen.

Was meinen Sie: Ist Kaizen ein alter Hut oder ein Wegweiser zu nachhaltigem Wirtschaften?



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Über die Autoren

  • Dr.

    Dr. Dorothea Ernst arbeitet seit 2020 bei der INFORM. Sie steht für Nachhaltigkeit als Innovationskraft und bringt zu diesem Thema > 15 Jahre Praxiserfahrung ein.

     

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  • Michael Schwemmle

    Michael Schwemmle arbeitet seit 2015 bei der INFORM. Er begeistert sich für Zukunftsthemen und für die Fragestellung wie Digitalisierung Innovationen im Sinne der Nachhaltigkeit unterstützen kann.

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