Keine heiße Luft: Die Digitalisierung der Chemielogistik

von Luisa Walendy
Bild von einem Chemiepark

Ob Alleskleber, Waschmittel oder Duschgel – Erzeugnisse aus der Chemieindustrie gehen mehrmals täglich durch unsere Hände. Kein Wunder, dass die Chemieindustrie zu den wichtigsten und größten Industriezweigen in Deutschland zählt. Deutschland steht im weltweiten Vergleich mit seinem Umsatz in der Chemieindustrie auf dem vierten Platz (150 Milliarden Euro). Trotz stagnierender Umsätze aufgrund rückläufiger Verkaufspreise haben deutsche Chemieunternehmen in den letzten Jahren viel in Automatisierung und Informationstechnologie investiert. Denn selbst in der bereits hochautomatisierten Chemieindustrie ist die Digitalisierung ein zentrales Thema. Die Branche arbeitet schon heute mit digitalisierten Technologien und Echtzeitdaten, wie beispielsweise bei der Steuerung komplexer Produktionsanlagen. Anders als in Branchen mit diskreten Fertigungssystemen wie beispielsweise im Maschinen- oder Automobilbau, handelt es sich bei der chemischen Prozessfertigung im Wesentlichen um verfahrenstechnische und chemische Reaktionen wie Mischen, Erhitzen, Trennen oder Synthese. Anstelle von Stücklisten und Arbeitsplänen werden hier Verfahrensbeschreibungen, Herstellervorschriften und Rezepturen genutzt. Daher gibt es besonders hohe Anforderungen an die Dokumentation, alle Bestände müssen ständig verfolgt werden können.

Transparenz als Grundstoff

Auch wenn die Herausforderungen in der Chemielogistik vielseitig sind, ist Transparenz in allen Prozessen eine wichtige Hürde, die Chemieparks nehmen müssen. In der Produktion sind nachvollziehbare Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen ständig zu beachten. Auch die logistischen Abläufe sollten daher den Anforderungen dieser Industrie hinsichtlich Transparenz und Nachverfolgung genügen. Die Digitalisierung der Chemielogistik bietet hier viele Chancen: Spürbare Verbesserungen bei Kundenzufriedenheit, Lieferfähigkeit und Profitabilität. Digitale Prozesse in der Supply Chain können den Chemieunternehmen so deutliche Wettbewerbsvorteile sichern. Reibungslose logistische Prozesse sind die Basis für eine effiziente Produktion und somit für eine Kostenreduktion.

Bei vielen großen Chemieunternehmen sind bereits intelligente Systeme im Einsatz, die die logistischen Prozesse digital planen und steuern. Hauptaugenmerk liegt dabei häufig auf der Transportabwicklung. Beispielsweise hat man es im Industriepark Höchst in Frankfurt mit einem Gelände von 460 Hektar, 120 Produktionsanlagen, 800 Labor- und Bürogebäuden sowie 90 ansässigen global agierenden Unternehmen zu tun. In einem der größten Produktions- und Forschungsstandorte für Chemie und Pharma in Europa wird die Logistik im Chemiepark mit Hilfe eines intelligenten Zeitfenstermanagements organisiert. So ist es dort möglich, täglich rund 700 Lkw und Tanklastwagen zu be- und entladen. Mit Hilfe des Systems kann der Industriepark eine effiziente Abfertigung der Frachtfahrzeuge sichern, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden.

Denn eine optimale, transparente Lkw-Abfertigung ist die Voraussetzung für einen problemlosen Werksverkehr. Die Digitalisierung der Prozesse schafft hier durch eine automatisierte Abfertigung eine höhere Effizienz durch die bessere Auslastung aller Ressourcen sowie messbare Erfolge bei Wartezeiten, Durchlaufzeiten und Termintreue.

Die Chance der Digitalisierung liegt dabei vor allem in der Geschwindigkeit. Dank digitaler Technologien können Probleme in der Zulaufsteuerung mittlerweile in Sekunden gelöst werden. Neben der Transparenz über die Warenströme innerhalb und außerhalb der Werkstore in Echtzeit, werden die personellen und technischen Ressourcen optimal koordiniert. Personal und Produkte sind folglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auch in kleineren Chemieparks können cloud-basierte Systeme unterstützen, die Planung von  Warenströmen innerhalb und jenseits der Werkstore und die Steuerung der Verkehrsträger zum Bezug von Rohstoffen und Vorprodukten zu verbessern.

Besondere Randbedingungen

Gerade in der Chemielogistik ist es wichtig entsprechend einer Vielzahl von Vorschriften zu produzieren. Intelligente Systeme planen Be- und Entladung von ankommenden Lkw so, dass auch Vorschriften wie Probenahmestopps und Laborprüfungen zeitsparend in den Prozess eingeflochten werden können. Neben Probenahmen und Wiegen müssen zusätzlich noch die verschiedenen Fahrzeugtypen wie Tankwagen oder Container beachtet werden.  So ist es in der Chemiebranche vor allem ausschlaggebend, dass alle Randbedingungen in der Planung aller logistischen Prozesse berücksichtigt werden, um die Qualität der Produkte nicht zu gefährden. Solche Randbedingungen lassen sich schon rein kombinatorisch kaum noch vom Menschen mit vertretbarem Aufwand organisieren. Digitale Technologien schaffen es hier, dem Menschen die nötige Übersicht zu bieten, um möglichst effiziente Entscheidungen zu treffen.

Fazit

Selbst die hochautomatisierte Chemielogistik wird in Zukunft von der Digitalisierung stark beeinflusst werden. Auch wenn wir es im Kleber oder dem Duschgel noch nicht spüren oder jemals spüren werden: Die Digitalisierung führt in den Chemieparks zu vielen Prozessverbesserungen. Denn auch in der Chemieindustrie ist die fortschreitende Digitalisierung wichtiger Treiber für Produktivitätssteigerungen. Die enge Zusammenarbeit mit Zulieferern ist in dieser Branche enorm wichtig – Verspätungen oder verspätete Lieferungen führen zu starken Produktionsschwierigkeiten. Ein intelligentes Zeitfenstermanagement ist somit die Grundsubstanz für die Produktion vieler Alltagsgegenstände.

Nutzen Sie bereits Zeitfenstermanagement? Welche Formel haben Sie für problemlose Abläufe in der Chemielogistik?

 



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Über den Autor

  • Luisa Walendy

    Luisa Walendy arbeitet seit 2015 für die INFORM GmbH und schreibt hauptsächlich zu den Themen Produktion und Industrielogistik.

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