Klüger als der Mensch: Menschenfreundliches KI-Zeitalter (Teil 2)

von Evi Hartmann

Im ersten Teil dieses Artikels haben wir uns den Status Quo von Künstlicher Intelligenz im Alltag, Industrie und Logistik angesehen und festgestellt, dass KI sich stetig verbessert, weil sie in der Lage ist, Erfahrungen zu machen und zu lernen. An dieser Stelle müssen wir jedoch die Rolle des Menschen in diesem Kontext genauer betrachten.

Denn so unterschiedlich sind menschliche und künstliche Intelligenz nun doch nicht: Beide lernen auch aus Fehlern. Wie das Sprichwort sagt: Aus Fehlern wird man klug. Diese Art von Lernen und Klugheit ist jedoch äußerst problematisch in Produktion und Logistik, die heutzutage stark nach Zero Defect Mindset, Lean Production und Nullfehlertoleranz gemanagt werden: Bitte möglichst keine Fehler und bitte keinen (unnötigen) Ausschuss! Diesen Ausschuss so klein wie möglich zu halten und die KI trotzdem lernen zu lassen, ist eine der Herausforderungen bei der Integration von KI in Industrie und Logistik.

Eine andere Herausforderung ist und wird sein: Wird die KI den Menschen bei der Arbeit unterstützen oder überflüssig machen? Wenngleich viele Arbeiter, Angestellte, ja selbst Führungskräfte und Politiker befürchten, dass der Mensch aus der Arbeit verdrängt wird, zeigen Studien, dass KI die menschliche Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit verändern, aber nicht vernichten wird. Erinnern wir uns: Als vor Jahrzehnten die Computer in die Arbeitswelt eindrangen, kursierte ebenfalls diese Befürchtung. Sie hat sich nicht bewahrheitet, weil für den PC wie für die KI gilt: Wo auf der einen Seite Arbeitsplätze durch die neue Technologie wegfallen, schafft die neue Technologie auf der anderen Seite auch viele neue Berufe, Berufsbilder, Geschäftsmodelle, ja ganz eigene, neue Branchen, Produkte, Services und Arbeitsplätze.

Es kommt lediglich darauf an, wie flexibel und lernwillig sich der Mensch an die sich stetig verändernden Gegebenheiten anpassen kann und vor allem möchte. Fährt der LKW irgendwann autonom, das heißt mit KI, kann der ehemalige LKW-Fahrer sich anspruchsvolleren Aufgaben der Logistik oder der Kundenbetreuung widmen – oder sogar bei der Wartung und Überwachung der autonomen LKW-Flotte. Wenn und soweit er die dafür nötigen Kompetenzen erworben hat. Das ist die eigentliche Herausforderung: Der Mensch sollte sich nicht langsamer entwickeln als die Technologie, die er entwirft. Wenn die KI zu Zehntausenden in Industrie und Logistik Einzug hält, brauchen wir auch Tausende KI-Wartungstechniker. Die gibt es noch nicht. Aber hoffentlich bald. Und trotzdem gibt es noch Bereiche und Anwendungen, bei denen die KI uns absehbar nicht das Wasser reichen kann: nämlich bei der sozialen Kompetenz und emotionalen Intelligenz.

In allen Berufen, die mit Service, Kundenbetreuung, Customer Support, Pflege, Beratung oder Verkauf zu tun haben, braucht es weiterhin und möglicherweise künftig sogar sehr viel mehr sozial und emotional kompetente Menschen, die sich um Menschen kümmern können und wollen. Nach wie vor gilt: It’s a people’s business – im Business dreht sich letztendlich alles um den Menschen. So gesehen kann die KI zwar nicht den Menschen ersetzen, ihn dafür aber umso mehr unterstützen: Je mehr Arbeiten und Aufgaben uns die Künstliche Intelligenz abnimmt, umso besser und intensiver können wir uns um die Menschen in Wirtschaft, Industrie und Logistik kümmern. Was für eine Perspektive: Das KI-Zeitalter wird ein unvergleichlich kundenorientiertes und menschenfreundliches. Das ist eine der großen Chancen der in diesen Tagen anbrechenden KI-Ära. Nutzen wir diese Chance.



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Über den Autor

  • Evi Hartmann

    Evi Hartmann ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Mutter von vier Kindern forscht und lehrt an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO für Frauen in Führungspositionen. Sie schreibt den Blog "Welt bewegend".

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