Konsequenzen des Brexit – ein kurzer Exkurs in Logistik und Bestandsmanagement

von Mona Helmchen
Headerbild: Ivan Marc/Shutterstock.com

Die deutsche Wirtschaft bereitet sich seit Monaten auf den drohenden Brexit vor. Wie genau es nach einem tatsächlichen Austritt Großbritanniens aus der EU weitergehen wird, steht bislang jedoch in den Sternen. Namhafte deutsche Unternehmen, z.B. aus der Pharma- und Automobilindustrie, setzen aus Angst vor Lieferproblemen auf zusätzliche Lagerflächen mit Notvorräten an Medikamenten und vorgezogene Sommerpausen in ihren britischen Werken. Maßnahmen, die möglicherweise kurzfristig Abhilfe leisten, jedoch nicht vor dem bevorstehenden Chaos und den wirtschaftlichen Veränderungen, die der Brexit langfristig mit sich bringen wird, schützen. Man denke beispielsweise an die drohenden Verzollungen in Milliardenhöhe beim Warenverkauf von EU-Ländern nach Großbritannien. Um darauf so gut es geht zu reagieren, werden die aus der EU importierenden Unternehmen in Großbritannien ihr Bestellverhalten sowie ihr Bestandsmanagement gewaltig umkrempeln müssen.

Hamstern gegen den Brexit

Das Anhäufen von Lagerbeständen durch Vorratseinkäufe ist nicht nur bei großen Konzernen eine Reaktion auf den drohenden Brexit. Ganz entgegen dem Ziel vieler Unternehmen, ihre Bestände möglichst niedrig zu halten, könnte im Zuge von Brexit Überstand zur Strategie werden. Um unnötige Zollgebühren zu vermeiden, würde sich zwangsläufig das Bestellverhalten bei Lieferanten ändern müssen und Bestellungen mit einer hohen Reichweite wären dann nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern eine Prämisse, um keinen Stock-Out zu riskieren. Damit verbunden sind unausweichliche Kosten – für die Ware und die zusätzliche Lagerfläche. Für die Lagerung von Artikeln ohne Ablaufdatum könnte diese Option zumindest Sicherheit schaffen. Voraussetzung für diesen verzögerten Anlieferrhythmus ist eine entsprechend verbesserte Planung – insbesondere eine verbesserte Prognose, da über einen längeren Zeitraum geplant werden muss. Artikel mit Mindesthaltbarkeitsdatum können jedoch selten „gehamstert“ werden. Frische Produkte müssen aufgrund ihres Verfallsdatums in kleinen Zyklen bestellt werden. Ist dies noch möglich bei erschwerten Transportbedingungen? Eine Sorge, die dann eigentlich auch die britischen Fischer – Befürworter des Brexit – nachvollziehen müssten. Oder?

Britische Fischer stimmen für den EU-Austritt

Auch wenn im Brexit-Chaos bislang nichts feststeht, eine Berufsgruppe steht geschlossen hinter dem Austritt Großbritanniens aus der EU: die britischen Fischer. Seit dem Inkrafttreten des europäischen Fischereiabkommens 1964 mussten nicht nur sehr viele britische Boote abgewrackt werden, dadurch bleiben den Briten auch etwa 70% des Fischbestandes verwehrt. Durch den Brexit erhoffen sich die britischen Fischer, die fischreichsten Gebiete der Nordsee zurückzuerobern und die alleinige Kontrolle darüber zu erhalten. Fischer aus EU-Ländern dürften dann nämlich nur noch mit britischer Erlaubnis dort fischen. Aber macht das wirklich Sinn? Selbst wenn Großbritannien dadurch wieder mehr Fischfanggebiete zurückbekommen würde, so wäre der Export in die EU doch durch die veränderte politische und wirtschaftliche Lage erschwert. Die britischen Fischer stimmen trotzdem für den Austritt.

Wirtschaftliche Autonomie als Motivation für den Brexit?

Die Stimmen der britischen Fischer könnten darauf schließen lassen, dass sie ihren zukünftigen Absatzmarkt vielleicht gar nicht mehr außerhalb der Grenzen Großbritanniens sehen. Hinter dieser Denkweise könnte man auch die Strategie einer Relokalisierung vermuten. Die Motivation dahinter ist wohl offensichtlich: Das Herauslösen aus einer verstärkten Abhängigkeit von der globalen Wirtschaft und der Einsatz der eigenen Möglichkeiten zielt auf die Zurückgewinnung von Autonomie ab. Dadurch kann ein Großteil der binnenländischen Güter, wie Nahrungsmittel und Dienstleistungen, aus den binnenländischen Ressourcen und dem dort verfügbaren Humankapitel erzeugt werden. Ob sich dieser Ansatz als Gegenpol zu einer globalen Wirtschaft bei einem EU-Austritt tatsächlich durchsetzt, bleibt abzuwarten.

Fazit

Fest steht, dass wir Deutschen nach dem Brexit nicht nur mit gestiegenen Fischpreisen rechnen müssten, da deutsche Fischer auf weiter entfernte Fanggebiete ausweichen müssten, sondern, dass auch unser gesamter Warenverkehr nach Großbritannien erschwert werden würde. Entsprechend nachvollziehbar ist die Verunsicherung von in Großbritannien ansässigen Firmen, die auf Waren aus Deutschland angewiesen sind. Just-in-Time Produktionen, bei denen Waren genau zu dem Zeitpunkt, an dem sie gebraucht werden, ankommen und dadurch Kosteneinsparungen in der Lagerhaltung ermöglichen, würden durch die neue Wirtschaftssituation zwischen EU und Großbritannien hinfällig. Produktionen müssten zwangsläufig umgestellt werden.
Ob die Spekulationen und die nicht sonderlich optimistischen, wirtschaftlichen Zukunftsszenarien, die mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU einhergehen, tatsächlich Realität werden, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch jetzt schon, dass der Brexit nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene einige Dämpfer für uns parat haben wird. Der Ausstieg der Briten wird mitunter als größte Tragödie in der Geschichte der EU betitelt. Er stimmt nachdenklich und hinterlässt einen negativen Beigeschmack im Hinblick auf die Stärke und den Zusammenhalt Europas. Ob es nun zu einem tatsächlichen Brexit kommt, werden wir in den nächsten Wochen erfahren. So oder so werden wir das Gefühl nicht los, dass die europäische Einheit doch etwas bröckelt.



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Über den Autor

  • Mona Helmchen

    Dr. Mona Helmchen arbeitet seit 2018 bei der INFORM GmbH und beschäftigt sich mit Trends und Themen rund um die Optimierung von Supply-Chain-Prozessen.

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