Lieferverzug und explodierende Preise: Fracht-Engpässe durch clevere Beschaffungslogistik abschwächen

von Franziska Inkmann
(c) istock/Tryaging

Wer zurzeit Waren aus Asien bezieht und noch rechtzeitig erhält, kann sich wirklich glücklich schätzen – oder musste hierfür tief in die Tasche greifen. Denn der Warenverkehr zwischen Asien und Europa gestaltet sich für viele importierende Unternehmen bereits seit mehreren Wochen zunehmend schwieriger und verfügbare Frachträume sind schon jetzt kostbares Gut.

Hauptursache hierfür ist der im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegene Onlinehandel, der insbesondere durch die Corona-bedingte Schließung vieler Geschäfte und Läden befeuert wurde. Der BEVH (Bundesverband E-Commerce und Versandhandel) verzeichnete Ende Januar im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstumsplus von 14,6 Prozent. Und dieser rasante Wachstumskurs wurde durch den seit November verhängten Lockdown noch einmal kräftig beschleunigt. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen ihre Lager mit dringend benötigten Lieferteilen auffüllen müssen.

Bottleneck Container: Wenn freier Frachtraum plötzlich zum Kostentreiber wird
Die Vorfreude auf die bestellten Konsumgüter oder den dringend benötigten Warennachschub dürfte jedoch angesichts der anhaltend angespannten Situation getrübt sein: Der Großteil aller Bestellungen stammt aus dem Exportland China, diese gelangen in der Regel mit Frachtschiffen auf dem Seeweg nach Deutschland. Weil jedoch die Anzahl an verfügbaren Containern begrenzt ist, übersteigt die derzeitig hohe Nachfrage mittlerweile das Angebot an verfügbaren Frachträumen der Reedereien. Das führt zu zweierlei Problemen: Es ist nicht nur schwer, überhaupt noch einen freien Container zu bekommen, vielmehr führt der Kampf um knappe Ressourcen zusätzlich zu einem extrem hohen Preis für den Transport der Waren

Erst kürzlich berichtete die Financial Times von der sich zuspitzenden Güterknappheit für europäische Unternehmen – und das branchenübergreifend vom mittelständischen Großhändler bis hin zum global produzierenden Unternehmen. Seit Jahresbeginn haben sich die Frachttarife auf der hoch frequentierten Schifffahrtsroute zwischen China und Nordeuropa vervierfacht, aktuell liegt der Preis bei mehr als $9.000 für einen gängigen 40-Foot Container umgerechnet ca. 12m lang. Zum Vergleich: Im November kostete der Transport noch rund $2.000.

Warenfluss auf See-, Luft und Landwegen gestört
Neben dem Kampf um fehlende Container und den dramatisch erhöhten Frachtraten, treiben massive Lieferengpässe und -verspätungen vielen Disponenten Schweißperlen auf die Stirn. Vielerorts herrscht ein Corona-bedingter Personalmangel in den Häfen, wodurch die Frachtschiffe langsamer abgefertigt werden. Geplante Verschiffungen der Waren verspäten sich und das ohne kurzfristige Aussicht auf Besserung.

In dieser angespannten Situation können selbst Schienentransporte und Luftfracht keine ausreichende Entlastung bieten – denn auch diese Alternativen über Luft- und Landwege sind kapazitiv nahezu erschöpft oder gehen mit ähnlich restriktiven Konditionen einher.

Lieferengpässe durch weitsichtige Beschaffungslogistik abschwächen
Wer auf Ware aus China wartet, muss sich derzeit also in Geduld üben und den Blick in die Zukunft richten, um Bestellungen vorausschauend zu planen und damit adäquat handeln zu können. Denn in der aktuellen Situation ist es wichtig, den verfügbaren Frachtraum so sinnvoll wie möglich mit den „richtigen“ - also den wirklich benötigten - Waren zu bestücken.

Die Frage nach der „richtigen“ Ware kann mithilfe einer spezialisierten Software, wie beispielsweise ADD*ONE Bestandsoptimierung, beantwortet werden.

Im Rahmen des Dispositionsprozesses können optimale Anforderungsmengen und -termine direkt auf Artikelebene ermittelt werden. Darauf aufbauend ist es möglich, eine Zusammenfassung dieser Positionen zu Bestellungen an die jeweiligen Lieferanten zu erstellen, wobei einerseits

  • beliebige lieferantenspezifische Kriterien (z.B. Mindestbestellwerte und/oder -gewichte) berücksichtigt werden können und andererseits
  • transportspezifische Anforderungen (wie z.B. das Auffüllen auf bestimmte Ladehilfsmittel/Container) erfüllt werden.

Moderne und ganzheitliche Systeme können dabei beliebige und frei definierbare Unter- und Obergrenzen-Restriktionen wie beispielsweise Palettenanzahl, Wert oder Gewicht bei der Zusammenstellung von Bestellungen berücksichtigen. Dies ermöglicht beispielsweise Transportkapazitäten wie eine Begrenzung der Paletten-Anzahl pro LKW oder Palettenstellplätze in Bereitstellungszonen bereits bei der Anlage von Bestellungen einzubeziehen. Disponenten erhalten zudem konkrete Handlungsempfehlungen für die Warendisposition, sodass nur die wirklich benötigten Mengen bestellt werden, Bestellungen sinnvoll aufgefüllt werden können und Waren vorgezogen werden, die in der Bestellung auch gerade benötigt werden.

Künstliche Intelligenz für verlässliche Liefertermine
Fernab dieser aktuellen Ausnahmesituation müssen viele Unternehmen – vorrangig ebenfalls diejenigen, die Waren aus Fernost beziehen – auch im Tagesgeschäft mit sehr langen Wiederbeschaffungszeiten und oftmals unzuverlässigen Lieferterminen rechnen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Manche Lieferanten verfügen über ein derart starkes Alleinstellungsmerkmal, dass sie Verspätungen und Unzuverlässigkeit in Kauf nehmen können. In anderen Fällen muss ein größerer Abnehmer priorisiert bedient werden oder Lieferanten lassen sich auf unrealistische Lieferzeiten ein, um einen Auftrag zu gewinnen. Die Konsequenzen daraus schlagen sich vor allem in unnötigen Kosten und hohem manuellen Aufwand nieder.

Ein eigenes Experten-Team, welches sich innerhalb von INFORM mit innovativen Lösungsansätzen befasst, hat sich in den letzten Monaten intensiv mit einem Forschungsthema zur „Optimierung von Wiederbeschaffungszeiten“ beschäftigt und daraus nun eine Anwendung entwickelt, die mithilfe intelligenter Machine-Learning-Algorithmen tatsächliche Verfügbarkeitstermine deutlich verlässlicher vorhersagen kann, als es die Bestätigungen der Lieferanten in der Praxis sind. In ersten praktischen Tests konnten deutliche Verbesserungen in Punkto Termintreue erreicht werden. Die Abweichung des eingeplanten Termins zum tatsächlichen Liefertermin konnte nahezu halbiert werden. Überbestände lassen sich vermeiden und sogar konsequent abbauen. Die Kosten für teure Deckungskäufe zur Aufrechterhaltung der Lieferfähigkeit können auf diese Weise drastisch und nachhaltig reduziert werden. Unternehmen können den Cash-Conversion-Cycle verkürzen und so unnötig gebundenes Kapital frei machen.

Fazit:
Nach Einschätzung von Experten wird die aktuelle Frachtproblematik noch bis mindestens Frühsommer 2021 anhalten. Bis zum chinesischen Neujahrsfest, das in diesem Jahr am 12. Februar stattfindet, wird sich die Lage sogar noch weiter verschärfen – denn während die Chinesen 15 Tage lang den Beginn des neuen Jahres feiern, stehen Fabriken still und der Handel liegt brach. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen in der aktuellen Situation ihre Warenbeschaffung sehr genau beobachten, um Lieferprozesse jeweils schnellstmöglich und flexibel anpassen zu können. Intelligente Dispositions-Software kann Planern hier eine wertvolle Unterstützung im operativen Arbeitsalltag bieten.

Wie sind Ihre Erfahrungen? Spürt Ihr Unternehmen bereits die Auswirkungen von Lieferengpässen und stark gestiegenen Frachttarifen?



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Über die Autorin

  • Franziska Inkmann

    Franziska Inkmann arbeitet seit 2011 als Marketing Managerin bei INFORM und beschäftigt sich mit Trends und Themen rund um die Optimierung von Supply Chain Prozessen.

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