Lkw-Fahrermangel, lange Wartezeiten und starres Zeitfenstermanagement – ist eine Lösung in Sicht?

von Matthias Wurst
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Die Transportbranche beschäftigt derzeit ein starker Lkw-Fahrermangel. Erst im September letzten Jahres warnte der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) vor Versorgungsengpässen und „schwerwiegenden Auswirkungen auf die Volkswirtschaften Europas“ aufgrund von 45.000 unbesetzten Fahrerstellen. Ein Problem ist die Überalterung der Branche: Schätzungsweise scheiden jährlich 30.000 Lkw-Fahrer aus dem Beruf aus, während gerade einmal 16.000 Fahrer jedes Jahr neu einsteigen. Laut der Initiative „FairTruck“ sollen dadurch bis zum Jahr 2022 mindestens 150.000 Fahrer fehlen. Gleichzeitig steigt jedoch das Frachtaufkommen. Laut Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) soll der Straßengüterverkehr bis 2020 mit einer Rate von 1,4 Prozent weiterwachsen. Eine schwierige Kombination für die Logistik- und Transportbranche.

Digitalisierung als Anreiz?

Es stellt sich die Frage, wie das Berufsbild des Lkw-Fahrers in Zukunft attraktiver gestaltet werden kann. Ein unausgewogenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben, ein schlechtes Image des Jobs und ein geringer Lohn sorgen für wenig Begeisterung bei den möglichen Kandidaten. Hinzukommen das zusätzliche Be- und Entladen inklusive Warenverräumung oder das Sortieren von Paletten sowie die unkalkulierbaren Wartezeiten. Eine Möglichkeit, diese Unannehmlichkeiten in Zukunft zu verringern, ist die Digitalisierung von Prozessen. Hierbei geht es aber nicht darum, Fahrer durch selbstfahrende Lkw zu ersetzen, sondern ihnen unnötige Wartezeiten und Chaos an der Laderampe zu ersparen. In der Lkw-Zulaufsteuerung werden häufig schon Zeitfenstermanagement-Systeme für dieses Ziel eingesetzt. Sie sollen durch die Buchung und Vergabe von Zeitfenstern eine Glättung der Stoßzeiten im Werk bewirken. Viele Systeme planen jedoch noch zu starr und sind dementsprechend keine Abhilfe für die langen Wartezeiten in den Werken.

Flexible Planung und mehr Zusammenarbeit für weniger Stau

Für reibungslose Prozesse im Werk braucht es eine dynamische Planung der Zeitfenster. Denn die Rahmenbedingungen der Lkw-Zulaufsteuerung ändern sich häufig: Verspätungen, dringend benötigtes Engpassmaterial oder unerwartete Lieferungen verändern den Ablauf täglich. Eine starre Planung mit Zeitfenstern hilft in diesen Fällen nicht mehr weiter. Staus im und vor dem Werk sowie lange Wartezeiten an den Rampen sind die Folge. Eine flexible Planung ist nötig, um auf solche unerwarteten Störungen zeitnah reagieren zu können. Das bedeutet, dass der eingeplante Zeitfensterplan nach jedem Ereignis geprüft und bei Bedarf verändert wird.

Außerdem wird es zunehmend nötig, einmal „über die Laderampe hinaus“ zu denken und auch die vor- und nachgelagerten Prozesse einzubinden, um die Planung und Steuerung der Lkw zu optimieren. Dies ist aber nur möglich, wenn alle Beteiligten der gesamten Supply Chain zusammenarbeiten, ihre Daten zusammentragen und so die Routen, Zeitfenster sowie Be- und Entladungen der Lkw optimieren. Auf diese Weise könnten beispielsweise Leerfahrten vermieden und Durchlaufzeiten der Lkw durch eine intelligente Planung und Steuerung soweit reduziert werden, dass das gleiche Pensum mit weniger Fahrern händelbar wäre. Diese Zeitersparnis beträgt laut meiner Erfahrung zwischen 25 und 30 Prozent der Durchlaufzeit. Geht man beispielsweise davon aus, dass täglich etwa 16.000 Lkw-Anfahrten in Industriebetrieben optimiert werden und die durchschnittliche Durchlaufzeit in diesen Werken etwa drei Stunden zählt (um die Rechnung zu vereinfachen), würde das bedeuten, dass täglich eine zusätzliche Stunde mehr pro Anfahrt beziehungsweise Lkw-Fahrer vorhanden ist. Dementsprechend wären das täglich 16.000 zusätzliche Stunden, die - ausgehend von einem 8-Stunden-Tag - einen Mangel von 2.000 Lkw-Fahrern ausgleichen könnten.

Sind autonome Lkw eine Lösung?

Auch wenn sich das Berufsbild des Kraftfahrers durch Digitalisierung und Telematik zunehmend zum Logistik Manager hin verändern soll, ist der Einsatz selbstfahrender Lkw noch Zukunftsmusik. Aus meiner Sicht braucht es noch etwa 5 Jahre, bis autonome Lkw in der Branche eine relevante Rolle spielen könnten. Bis dahin wird immer ein Fahrer benötigt werden – und auch darüber hinaus wird diese Berufsgruppe noch bestehen bleiben. Zum einen, weil die Technologie noch nicht ausgereift genug und menschliches Eingreifen somit noch unerlässlich ist. Zum anderen müssen die transportierten Güter weiterhin begleitet und übergeben werden. Die Technologie bleibt daher vorerst eher eine Entlastung der Fahrer, als ein Ersatz.

Im Werk selbst hingegen könnten autonome Fahrzeuge schon schneller eine ausschlaggebende Rolle spielen. Mit Hilfe von Traileryards werden zurzeit bereits Durchlaufzeiten verringert. Das Konzept des Traileryards sieht vor, dass mehrere Auflieger vom Spediteur zum Sammelplatz des Empfängers gebracht und dort von den Fahrern lediglich abgestellt werden. Das Be- und Entladen wird vor Ort durch den Empfänger selbst oder einen beauftragten Dienstleiter durchgeführt. Die Fahrer werden so von diesen Tätigkeiten entlastet und gewinnen Zeit für weitere Lieferungen.

Fazit

Der Lkw-Fahrermangel ist für die Transportbranche ein großes und vor allem langfristiges Problem. Daher ist es wichtig, den Beruf attraktiver zu gestalten und wieder neue Bewerber zu gewinnen. Intelligente Systeme können bereits helfen, einige negative Faktoren wie lange Wartezeiten in den Werken zu verbessern und die Fahrer so zu entlasten und die Arbeitseffizienz zu erhöhen. Diese Systeme müssen jedoch flexibel auf unerwartete Störungen reagieren und dynamisch planen können.

Auch autonome Lkw können in Zukunft helfen, die Fahrer zu entlasten. Jedoch wird die Technologie den Fahrer in naher Zukunft nicht ersetzen können. Ihr Innovationscharakter könnte für Berufseinsteiger aber besonders attraktiv sein und der Branche auf lange Sicht ein neues Image verleihen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Transportbranche? Was sind Ihre Vorschläge für eine Verbesserung der aktuellen Situation?



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Über den Autor

  • Matthias Wurst

    Matthias Wurst arbeitet seit 2014 bei INFORM und interessiert sich als Head of Business Development  Industrie insbesondere für die Optimierung der Lieferlogistik und interner logistischer Prozesse.

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