Mit Algorithmen gegen die Lebensmittelverschwendung

von David Weaver

Rob Greenfield hat eigentlich nicht viel mit Supply Chain Management zu tun - zumindest nicht auf beruflicher Ebene. Seine Geschichte ist in diesem Zusammenhang jedoch durchaus interessant, denn sie macht auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam. Durch seinen nachhaltigen Lebensstil ist Greenfield mittlerweile in den USA schon bekannt als „Der Kerl, der den Unterschied macht“.

Im Sommer 2013 durchquerte Greenfield die Vereinigten Staaten mit seinem Fahrrad und legte dabei insgesamt 7.563 km zurück. Auf seiner Tour hatte er sich selbst dazu verpflichtet, nur regional sowie biologisch angebaute Lebensmittel zu essen. Allerdings erwies sich das Angebot als unzureichend und Greenfield versuchte etwas Neues: Er durchsuchte die Müllcontainer der Supermärkte und deckte so letztendlich 70% seines täglichen Lebensmittelbedarfs. Diese Praxis ist auch als Dumpster Diving – oder auf Deutsch Containern bekannt. Seit dem Beginn seines Road Trips durch die USA hat sich Greenfield auf diese Weise durch tausende Müllcontainer in insgesamt 25 Staaten gewühlt und dabei öffentlich auf das Thema der Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht.

Lebensmittel im Wert von 165 Milliarden Dollar landen jährlich in den Müllcontainern der USA. In Deutschland beläuft sich der Wert weggeworfener Lebensmittel momentan auf ca. 25 Milliarden Euro. Wie viele noch gute und teilweise sogar noch haltbare Produkte Greenfield im Müll fand, wird am Beispiel seines Nebraska-Aufenthaltes deutlich:


https://www.youtube.com/watch?v=_ITSchFbHmY

Auf keinen Fall möchte ich Sie dazu ermutigen, die Müllcontainer hinter Ihrem Supermarkt nach Lebensmitteln zu durchforsten. Um ehrlich zu sein, könnte das sogar einige Probleme nach sich ziehen (Containern wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt). Aber wie Greenfield in seinem Video schon sagte, glaubt er nicht an eine Lebensmittelknappheit, sondern sieht das Problem in der Verteilung.

Greenfield verweist im Video auf drei logische und philanthropische Ansätzen, die der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken können:

• Ware, die nicht mehr verkauft werden kann, kann für die Kompostierung in der Landwirtschaft genutzt werden.

• Tiere aus regionaler Haltung können damit gefüttert werden.

• Noch genießbare Lebensmittel können an soziale Einrichtungen gespendet werden.

Lebensmittelverschwendung bereits am Anfang der Supply Chain stoppen

Auch wenn die oben genannten Vorschläge sicherlich gut sind, müsste eine Umsetzung mehr als nur eine Hürde überwinden. Daher wäre es im Ansatz besser, wenn die Produkte in den Supermärkten gar nicht erst ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten, sondern vorher verkauft würden. An dieser Stelle sind auch der Großhandel und die Produktion Teil des Problems. Lebensmittelverschwendung bereits zu Beginn der Supply Chain vorzubeugen ist durchaus realisierbar und eine konkrete Umsetzung wird zurzeit umfangreich von Experten im Bereich Operations Research geprüft. Ein neues Forschungsprojekt zur Verbesserung der Absatzprognose im Lebensmittelbereich hat folgende drei Unternehmen bzw. Organisationen zusammen gebracht:

1. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)

2. INFORM - Institut für Operations Research und Management GmbH

3. PrognosiX – Spin-Off der ZHAW, welches sich auf analytische Prognosen fokussiert

Absatzprognosen im Lebensmittelhandel sind keine einfache Aufgabe: Spezielle Einflussfaktoren, wie das Mindesthaltbarkeitsdatum, Werbeaktionen, Wetter sowie spezielle Verbrauchsstrukturen an Wochenenden und Feiertagen erschweren den Prozess. Zusätzlich wachsen die Kundenanforderungen und zwingen den Einzelhandel zu konstanter Verfügbarkeit und bester Qualität seiner Waren. Daraus resultieren oft Überbestellungen, was wiederum zu Lebensmittelverschwendung führt. Aus diesem Grund wollen die drei oben genannten Forschungspartner die Qualität von Absatzprognosen im Lebensmittelhandel grundsätzlich verbessern.

Das Projektteam arbeitet mit Daten, welche von verschiedenen Schweizer Lebensmittelproduzenten und Einzelhändlern bereitgestellt wurden. Momentan wird ein Software-Prototyp anhand neuer Algorithmen entwickelt. Das Ziel ist es, mit der Optimierung von Planungsprozessen Lebensmittelabfälle zu reduzieren, die Verfügbarkeit der Produkte zu erhöhen, Produktionsprozesse planbarer zu machen und Transport- und Lagerkosten zu minimieren. Neben der Lebensmittelindustrie kann auch die Restaurant- und Hotelbranche von den optimierten Prognosen profitieren und ihre Bedarfe optimieren. Erste Ergebnisse aus der Anfangsphase des Forschungsprojektes zeigen ebenfalls ein großes Potenzial für das Gesundheitswesen, da auch hier externe Faktoren, wie beispielsweise große Sportereignisse, Einfluss auf die Personalplanung nehmen.

Aktueller Einsatz von Prognoseverfahren

Schon heute werden mathematische Algorithmen im Lebensmittelhandel genutzt, um den Herausforderungen in der Industrie zu begegnen. Ein Beispiel ist der führende Schweizer Lebensmitteldiscounter Denner, für den 4000 Mitarbeiter in über 800 Filialen tätig sind. Das Unternehmen nutzt zur Planung seiner über 1.400 Artikel die auf hochentwickelten Algorithmen basierende Optimierungssoftware add*ONE in allen drei Distributionszentren. Der Prozess der Bedarfsplanung hat sich seit der Implementierung wesentlich verbessert, was zu einer Bestandsreduzierung und folglich zu einer geringeren Lebensmittelverschwendung führte.

Fazit

Ob durch Rob Greenfields Fahrradtour quer durch die USA oder mithilfe mathematischer Algorithmen in der Supply Chain: Fakt ist, dass etwas gegen die Lebensmittelverschwendung getan werden muss. Greenfield hat die traurige Wahrheit ans Licht geholt: In einem Müllcontainer fand er Bananen aus Kolumbien, welche nach fast 5.000 km Transportweg und ein paar Tagen in den Supermarktregalen letztendlich dann doch im Müllcontainer ihren letzten Platz gefunden haben. Vielleicht werden die Möglichkeiten durch intelligente Algorithmen in Zukunft ein größeres Bewusstsein für den tatsächlichen Bedarf von Bananen (und anderer Lebensmittel) schaffen, sodass weniger Lebensmittel bestellt werden und am Ende ihrer langen und teuren Reise nicht zwangsläufig auf einer Mülldeponie landen.



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Über den Autor

  • David Weaver

    David Weaver arbeitet seit 2011 bei der INFORM GmbH und beschäftigt sich hauptsächlich mit den Themen Betrugsprävention und Compliance. 

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