Same-Day-Delivery – Wenn der Postmann am selben Tag klingelt

von Kristina Pelzel

Große Auswahl, niedrige Preise und eine Lieferzeit, die einer echten Shopping-Tour in der Innenstadt in fast nichts nachsteht: Die Zustellung am Tag der Bestellung, Neudeutsch unter Logistikern auch „Same-Day-Delivery“ genannt, könnte dem Online-Handel weiteren Auftrieb verleihen, stellt aber auch die Logistik vor enorme Herausforderungen.

Pilotprojekte in den USA und in Deutschland

Das Beratungshaus McKinsey prophezeit, dass der Markt für Same-Day-Delivery bis zum Jahr 2020 in Westeuropa auf drei Milliarden Euro steigen wachsen wird. Damit wird diese Belieferungsvariante etwa 15 Prozent des Umsatzes mit Standardpaketen ausmachen (heute sind es noch weniger als 1 Prozent).

Dass man hiermit ein großes Geschäft machen kann, erkennt man auch daran, dass große Konzerne wie Amazon, Google und eBay sowie die Online-Plattform Uber, die mit ihrer App aktuell die Taxifahrer in den europäischen Großstädten zu Demos reizt, entsprechende Pilotprojekte in ausgewählten Städten der USA durchführen und sich dabei einen regelrechten Wettkampf liefern. Aber auch in Deutschland werden solche Services bereits getestet: So erprobt etwa die Deutsche Post in großen Städten wie Berlin und Köln sowie im Ruhrgebiet die Feierabendzustellung. Auch die Elektronik-Ketten Media Markt und Saturn testen Same-Day-Delivery von Online-Bestellungen in sieben deutschen Städten.

Liefermodell erfordert hohe Investitionen

Den offensichtlichen Vorteilen für den Kunden stehen einige Nachteile gegenüber, die das Modell nicht unbedingt attraktiv für jeden Händler machen. Um derart kurze Lieferzeiten überhaupt zu ermöglichen, sind zusätzliche lokale Läger notwendig, die natürlich erst einmal einen hohen Investitions- und Betriebsaufwand bedeuten. Dadurch, dass mehr Bestand in den lokalen Lägern liegen muss (um die hohe Verfügbarkeit zu gewährleisten), können zudem die Skaleneffekte eines Zentrallagers wegen der kleineren Versandvolumina kaum genutzt werden. Auch müssen viele Artikel redundant in den lokalen Lägern vorgehalten werden, was zusätzlich Kapital bindet. Bei einem maximalen Soll-Servicegrad in allen äußeren Knoten eines Distributionsnetzwerkes gerät eine Planung im Sinn von Bestandsoptimierung an ihre Grenzen.

Durch diese Faktoren ist die Same-Day-Delivery für kleinere Händler wenig attraktiv, insbesondere bei sehr breiten Sortimenten. Ein Königsweg könnte vielleicht eine Doppelstrategie sein, bei der nur für ausgewählte Produkte ein solcher Service zur Verfügung steht. Ein hoher Soll-Servicegrad im Filialnetz z.B. für teure Langsamdreher wäre aber wenig sinnvoll.

Letztendlich müssen aber speziell der hohe Investitionsaufwand in die Infrastruktur und der vermutete Wettbewerbsvorteil gegeneinander aufgewogen werden. Insbesondere bei den Multi-Channel-Retailern fällt das Gewicht hier eher in Richtung Wettbewerbsvorteil, da sie bereits auf die notwendige Infrastruktur zurückgreifen können.

Zumindest die Kunden sind bereit

Der Schritt sollte auf jeden Fall gut überlegt sein, denn es gibt prominente Unternehmen wie Webvan, die schon in den Dotcom-Jahren der Same-Day-Delivery zum Opfer gefallen sind. Lohnen wird sich das Konzept mittelfristig nur für große Logistikunternehmen, die mit entsprechend großen Volumina operieren. Wahrscheinlich wird das Angebot auch nur in den großen Ballungsräumen realisiert werden, um die Lieferwege zu den Lägern kurz zu halten.

Auch wenn die Deutschen gerne einmal – freundlich gesagt – als „preisbewusst“ gelten, scheinen sie zumindest bereit, für einen solchen Service auch zusätzlich zu zahlen. Laut McKinsey wäre jeder zweite Kunde bereit, ab einem Bestellwert von 59 Euro für eine taggleiche Bestellung 6 bis 7 Euro Versandgebühren zu bezahlen.

Der Kunde ist also willig, die Logistik ziert sich noch ein bisschen. Zu den Vorreitern der Same-Day-Delivery in Deutschland gehört übrigens auch mein Lieblingslieferant, der unter anderem passionierte Griller wie mich mit gekühlten Köstlichkeiten versorgt. Leider (noch) nicht im Raum Aachen, aber das wird sicher auch noch kommen.

Was halten Sie vom Konzept der Same-Day-Delivery? Wird dieses Thema auch mittelfristig auf Ihr Unternehmen zukommen? Ich freue mich auf Ihre Antworten.



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Über den Autor

  • Kristina Pelzel

    Kristina Pelzel unterstützt im Rahmen ihrer Tätigkeit als Senior Vertriebsbeauftragte der INFORM GmbH Interessenten im Entscheidungsprozess bei der Auswahl für ein intelligentes Optimierungswerkzeug. Die Bereiche Absatzplanung, Bestandsoptimierung und Stichprobeninventur sind ihre Themenschwerpunkte. 

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