Speed Docking - Wettbewerb belebt das Geschäft und die Zulaufsteuerung

von Ruud Vossebeld

Haben Sie schon mal von „Speed Docking“ gehört? Der Begriff wird vermutlich neu für Sie sein, wenn Sie kein niederländischer Einzel- oder Großhändler sind. Denn Speed Docking ist ein Wettbewerb (im eher „sportlichen“ Sinn) zwischen Groß- und Einzelhandelsvertriebszentren, der helfen soll, die Effizienz ihrer Laderampen zu steigern und die Wartezeiten der Lkw zu reduzieren. Hauptziele dieser Initiative sind die Datengewinnung und anschließende Aufdeckung neuer Optimierungspotenziale in den Prozessen der Lkw-Zulaufsteuerung. Dafür werden die Warte- und Inaktivitätszeiten der Lkw an den Laderampen protokolliert und analysiert. Jeder Teilnehmer am Speed-Docking-Wettbewerb reicht diese Kennzahlen als Beitrag ein. Aus allen Beiträgen wird dann ein  Benchmark für die Effizienz der Laderampenprozesse bestimmt. Das Distributionszentrum mit der niedrigsten durchschnittlichen Durchlaufzeit gewinnt einen wöchentlichen Preis. Wer über den gesamten Verlauf des Wettbewerbes im Durchschnitt die niedrigste Durchlaufzeit hat, gewinnt den Gesamt-Wettbewerb.

Durch die fast schon spielerische Motivation, die eigene Durchlaufzeit zu messen, erfahren die Teilnehmer, wo die Prozesse ihrer Warenauslieferung aktuell im Vergleich stehen und wo sie verbessert werden können. Diese ungewöhnliche Form des Branchenvergleichs initiiert damit eine sicherlich wertvolle Diskussion zwischen Supply-Chain-Partnern, Herstellern, Logistikdienstleistern und Händlern über die Verbesserung der Prozesse.

Großes Potenzial für Verbesserung

Wenn es um Optimierung bei Logistikdienstleistern geht, stehen häufig die gefahrenen Kilometer und die Ladung im Vordergrund. Die Speed-Docking-Initiative hat gezeigt, dass auch in den Prozesszeiten selbst großes Verbesserungspotenzial liegt. Daher sollte man sich nicht ausschließlich auf eine bessere Planung, sondern zusätzlich auf weitere Ansätze konzentrieren. Beispielsweise können die Kombination von regelmäßigen Lieferungen kleinerer Bestellungen verschiedener Hersteller zu einer großen Ladung oder die Nutzung von Fließbändern zu schnelleren Be- und Entladevorgängen führen. Durch die Digitalisierung dieser Prozesse werden die Abläufe vereinfacht und Wartezeiten vor sowie im Werk reduziert. Zudem ist es wichtig, dass die Transportunternehmen und ihre Kunden die Digitalisierung nutzen, um besser zusammenzuarbeiten.

Ich erinnere mich gut daran, wie Chris Godfrey das Problem auf der letzten ECG Konferenz auf den Punkt gebracht hat. Godfrey, der für die Distributionslogistik bei der Renault-Nissan-Allianz verantwortlich ist, nannte die Automobillogistikindustrie einen Dinosaurier, der sich verändern muss: „Wir bewegen uns nur langsam und wenn wir so weitermachen, werden wir ganz schnell von Amazon oder ähnlichen Anbietern überholt.” Er fordert papierlose Logistikprozesse. Laut Godfrey sei noch keiner der 40 für Renault-Nissan fahrenden Autotransporteure auf die Idee gekommen, dem Hersteller den Einsatz von Telematik-Systemen für das Tracking der Lieferungen anzubieten. Dabei sind diese Systeme ohnehin in die meisten Fahrzeuge bereits eingebaut. Deshalb testet Renault-Nissan jetzt genau wie BMW und Jaguar Landrover, wie die vorhandene Telematik für eine effiziente Distribution genutzt werden kann. Godfreys Meinung zufolge müssen die verantwortlichen Automobillogistiker in Zeiten der Digitalisierung lernen, proaktiv anstelle von reaktiv zu handeln.

Es gibt bereits einige Beispiele aus der Praxis, die zeigen, wie die Lkw-Zulaufsteuerung und die Ladeprozesse digitalisiert und somit beschleunigt werden können.

Beispiele

1) Quick Check-in im Containerhafen Rotterdam

An den Container-Terminals des Rotterdammer Hafens wird eine App für elektronische Tore, sogenannte E-Gates, genutzt. Mit ihr kann man den Echtzeit-Status von Containern auf anderen Inland-Terminals, wie zum Beispiel TCT Venlo oder TCT Belgium, einsehen. Die Applikation wurde 2012 eingeführt und bietet die Möglichkeit, Echtzeit-Informationen über Anleger, Binnenschiffe, Züge und Container von allen drei ECT Tiefsee-Terminals in Rotterdam via Smartphone oder Tablet einzusehen.

Zusätzlich ermöglicht die App den Nutzern zu überprüfen, ob sich ein Container auf dem Terminal befindet, um unnötige Fahrten zu verhindern und die Planung zu verbessern.

 2) E-Gate bei International Car Operators (ICO) in Seebrügge

ICO ist eines der größten Unternehmen für den Umschlag und die Lagerung von Roll-on/Roll-off-Fracht in Europa. Das Unternehmen steht ebenfalls vor der Herausforderung, täglich eine große Zahl ankommender und abfahrender Lkw abzuwickeln. Eine weitere Herausforderung ist es, die ankommenden Ro-Ro-Schiffe mit Ladungen von über 5.000 Autos zur richtigen Anlegestelle zu steuern. Das Ziel von ICO ist es, diese Herausforderungen bestmöglich zu meistern und die Fahrzeuge möglichst effizient zu lagern und zu transportieren. Investitionen in Barcode-Scanner und RFID-Technologie kombiniert mit GPS-Ortungsdiensten erlauben ICO mittlerweile, die Terminals sehr präzise zu steuern.

Seit 2014 nutzt ICO Computerterminals, an denen sich die Lkw-Fahrer am Werkstor ankündigen. Mit dieser E-Gate-Funktion konnten die Wartezeiten der Lkw um 50% reduziert werden. Die Automatisierung dieser Prozesse verbessert die Effizienz und ermöglicht schnellere Transaktionen ohne menschliches Eingreifen.

3) Inbound Check-in bei Audi

Ein weiteres Beispiel aus der Automobilindustrie ist Audi. Der Automobilhersteller konnte seine Prozesszeiten im Werk in Ingolstadt durch eine optimierte Lkw-Zulaufsteuerung von drei auf anderthalb Stunden reduzieren. Die Lkw und das ankommende Material werden hier via Geo fencing koordiniert. Geo Fencing ist eine simple GPS-Technologie, mit deren Unterstützung die anfahrenden Lkw geortet werden können, indem sie bestimme geologische Kontrollpunkte überqueren. In Ingolstadt können die Lkw dank der Geo-Fencing-Technologie ganz einfach und automatisch im Werk einchecken und ihre Fracht ankündigen. Dafür ist die Technologie direkt mit dem zentralen Steuerungssystem von Audi verknüpft. Der vereinfachte Prozess verringert die Papierarbeit und steigert die Effizienz, da die Lkw direkt im Werksgelände einfahren und ohne Umwege zu den Rampen oder angrenzenden Logistikzentren fahren können, um ihre Fracht zu entladen. So werden unnötige Prozesse nach Ankunft der Lkw vermieden.

Fazit

Meiner Meinung nach gibt es viele Möglichkeiten (und Kombinationen dieser Möglichkeiten), um die Prozesse der Lkw-Lieferungen zu beschleunigen. Ein Wettbewerb wie Speed Docking kann ein Impulsgeber sein und die Abläufe mit dem höchsten Optimierungspotenzial aufspüren. Obwohl Speed Docking sich auf  niederländische Großhandels- und Distributionszentren beschränkt, verdeutlicht der Wettbewerb das generell sehr große Potenzial in der Optimierung der Lkw-Zulaufsteuerung. Digitalisierung, papierlose Transportdokumente, E-Gates und automatische Check-ins helfen, die Prozesszeiten in der Ein- und Ausgangslogistik stark zu reduzieren.



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Über den Autor

  • Ruud Vossebeld

    Ruud Vossebeld arbeitet seit 2010 für INFORM. Sein Ziel ist es, neue Ideen und Technologien zu entwickeln, durch die sich Logistik- und Supply Chain- Prozesse nachhaltig und profitabel gestalten lassen.

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