Traileryard: Kurze Lkw-Durchlaufzeiten helfen bei Fahrermangel

von Matthias Wurst
Boxenstop eines Formel 1 Autos
© vm | gettyimages

Die Idee, Anlieferung und Entladevorgang zu trennen, ist nicht neu und wird in Post- und Paketzentren bereits seit Jahren praktiziert. Auch in der Automobilindustrie findet die Methode zunehmend in Form von Traileryards Anwendung: Der Auflieger wird nach der Anlieferung am Werk nicht direkt entladen, sondern auf einer Fläche abgestellt, die einem großen Parkplatz gleicht, dem Traileryard. Dort wird nicht nur der Auflieger von der Zugmaschine entkoppelt, sondern auch die Materialentladung von der Ankunftszeit des Lkw. Diese Flexibilität bringt einige Vorteile, von erhöhter Geschwindigkeit über Sicherheit und sogar Nachhaltigkeit, sofern der Platz vorhanden ist und der Investitionsaufwand nicht gescheut wird.

Funktionsweise Traileryard

Grafische Darstellung des Traileryard-Fuktionsprinzips

  1. Der Lkw stellt den Trailer mit der Lieferung auf dem Traileryard ab.
  2. Ein Trailer mit fertiger Ware oder Leergut wird angekoppelt und wieder mitgenommen.
  3. Eine Zugmaschine, ein sogenannter Shunter, hebt den Trailer an und bringt ihn im Werk an die richtige Ladestelle.
  4. Leere Trailer werden vom Shunter zum Abtransport auf dem Traileryard abgestellt.

Die Vorteile greifen nicht nur vor Ort, sondern gelten für den gesamten Transportverkehr

Der Traileryard entkoppelt Lieferverkehr und Werksverkehr, was für beide Seiten Vorteile bringt. Dies hat ganz praktische Auswirkungen auf den Anlieferprozess: So muss zum Beispiel die persönliche Schutzausrüstung nicht kontrolliert werden, die der Lkw-Fahrer an einer Ladestelle im Werk benötigen würde. Sprachbarrieren entfallen ebenso, wie die oft schwierige Orientierung ortsfremder Fahrer auf dem Werksgelände. Ein Traileryard erhöht also auch die Werkssicherheit.

Weniger Fremdfirmen im Werk zu haben, bedeutet außerdem einen Beitrag zum Infektionsschutz, dem Arbeitgeber derzeit ohnehin nachkommen müssen. Gerade in Hinblick auf die oft hunderten Lkws, die pro Tag in das Firmengelände einfahren und deren Fahrer viele überregionale Kontakte haben, ist dies ein relevanter Faktor. Die Absicherung sensibler Forschungen, wie etwa neuentwickelte Prototypen, fällt ebenfalls leichter, je weniger Besucher ein Werk hat.

Traileryards sind nachhaltig, da CO2 Emissionen gesenkt werden. Interne Zugmaschinen sind kleiner oder werden bereits elektrisch angetrieben (siehe Beitrag Elektrische Shifter im Test auf MM-Logistik). Unter Umständen können auch Ladevorgänge in Zwischenlager vermieden werden, da der Traileryard selbst als Puffer dient. Dies spart Ladekapazität und Lagerraum.

Der offensichtlichste Vorteil ist jedoch die geringere Wartezeit der liefernden Lkw von durchschnittlich unter einer Stunde (siehe S.17 Marktbeobachtung Güterverkehr, Bundesamt für Güterverkehr). So stehen Fahrer und Zugmaschinen dem Transportverkehr fast unmittelbar wieder zur Verfügung. Statt einer Durchlaufzeit von zwei bis drei Stunden kann der Lkw bereits innerhalb von 30 Minuten umgesattelt sein und seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen: Lieferungen auf die Straße bringen. Von dieser Beschleunigung profitiert die gesamte anschließende Supply Chain.

Traileryards erhöhen die Fahrerkapazität der Transportlogistik

Die Effizienz eines Traileryards steigt mit der Einsparung bei den Durchlaufzeiten und der Anzahl der Lkw-Fahrten pro Tag. Beträgt z.B. die Durchlaufzeit mit Lieferung ins Werk zwei Stunden und im Traileryard eine Stunde, wird die Durchlaufzeit (DLZ) um 50 Prozent verkürzt. Die Einsparung von einer Stunde DLZ pro Fahrt beträgt bei 100 Lkw-Fahrten am Tag also 100 Stunden. Bei einer Lenkzeit von neun Stunden pro Tag entspricht dies rechnerisch einer Einsparung von rund elf Fahrern.

Rechenbeispiel: Bei Verkürzung der Laufzeit von 2h auf 0,5h werden fast 17 Fahrer pro Tag weniger benötigt

Diese Rechnung zeigt, dass durch Traileryards die Kapazitäten der gesamten Transportlogistik erhöht werden.

Hoher Platzbedarf und feste Speditionen sind wichtige Voraussetzungen

Die Vorteile sprechen für sich, jedoch kann ein Traileryard nicht überall eingesetzt werden, da der Platzbedarf sehr hoch ist. Für vollständig erschlossene oder stadtnahe Industriegebiete werden ohne Rückbau kaum Flächen zur Verfügung stehen. Eventuell lassen sich vorhandene Parkplätze umfunktionieren, z. B. wenn diese zur Vorabendanreise der Lkw bereits genutzt werden.

Natürlich kann nicht jedes Transportunternehmen jeden Trailer auch wieder abtransportieren. So eigenen sich vor allem Werke mit festen Speditionen für dieses Konzept, so dass jedes Transportunternehmen die eigenen Trailer tauscht. Zu Bedenken ist auch, dass es in den meisten Fällen neben dem Traileryard immer noch einen geringen Teil des klassischen Lieferverkehrs geben wird.

Bei den zahlreichen geparkten Trailern den Überblick zu behalten, bleibt jedoch eine echte Herausforderung: Was lagert in welchem Trailer? Wann muss welcher Trailer an welche Ladestelle zur Be- und Entladung? Welche leeren Trailer können von welchem Transportunternehmen mitgenommen werden? Damit die Potenziale des Traileryards voll ausgeschöpft werden können, bedarf es einer intelligenten Logistiksoftware, die Lieferlogistik und Intralogistik geschickt verwebt. Dies beginnt mit der Lkw Zulaufsteuerung, damit der Traileryard in einer sinnvollen Reihenfolge und ohne Staus an der Pforte bestückt werden kann.

Gute Grundlage für autonomen Verkehr

Entscheidungsintelligente Algorithmen lassen sich auch für die Steuerung autonomer Fahrzeuge im Werk einsetzen. Der Einsatz solcher neuen Vehikel ist auf dem geschlossenen Werksgelände einfacher zu realisieren als im öffentlichen Straßenverkehr. Schon jetzt kommen Fahrerlose Transportsysteme (FTS) in Hallen zum Einsatz und auch für den Einsatz im Traileryard gibt es bereits autonome Umsetzfahrzeuge, wie den Terberg AutoTUG. Für größere Anlagen, wie z.B. Häfen oder multimodale Terminals sind ebenfalls schon autonome Zugfahrzeuge in der Entwicklung: Volvo Trucks – Introducing Vera, the future of autonomous transport.

Aber auch wenn in ferner Zukunft der gesamte Lieferverkehr autonom erfolgen wird, ist es ein Vorteil speziell für den Werksverkehr optimierte und angelernte Fahrzeuge einzusetzen und nur den Trailer zu übergeben.

Doch auch ohne auf die technischen Branchenentwicklungen zu warten, sind durch einen Traileryard neue Ansätze denkbar: Der Fahrer legt eine Pause bzw. Fahrtunterbrechung ein, während der Trailer getauscht wird und kann seine Lenkzeit so optimal für den Transport einsetzen. Vielleicht in einem eigens dazu eingerichteten Pausenbereich? Fahrermangel und steigende Transportkosten betreffen jede Produktion und machen nicht vor dem Tor halt.

Nutzen Sie bereits einen Traileryard oder planen zukünftig eine Investition?



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Über den Autor

  • Matthias Wurst

    Matthias Wurst arbeitet seit 2014 bei INFORM und interessiert sich als Head of Business Development  Industrie insbesondere für die Optimierung der Lieferlogistik und interner logistischer Prozesse.

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