Trends 2017: Neue Geschäftsmodelle, wichtige Daten, Mut und Kundenorientierung

von Ludger Schuh

Der Logistiksektor und seine Akteure haben sich über das vergangene Jahrzehnt nicht mehr nur auf dem realen Markt bewegt, sondern sich zunehmend ein Standbein in der digitalen Welt aufgebaut. Einst beschriebene Visionen von Drohnen, Datenbrillen und Lieferungen innerhalb weniger Stunden werden Realität. Wie Prof. Dr. Raimund Klinkner auf dem BVL 2016 treffend beschrieb: "Die digitale Transformation hat das Buzzword-Level verlassen". Doch ein Ende ist nicht in Sicht, auch in den kommenden fünf Jahren sind wir mit der Digitalisierung beschäftigt und erleben Veränderungen in den Supply Chains. Die Wege, auf denen wir liefern und beschaffen, verändern sich, der Austausch von Daten geht über Unternehmensmauern hinaus und starre Geschäftsmodelle spüren die notwendige „Disruption“.

1) Doppelte Kompetenz – zukünftige Geschäftsmodelle vereinen IT und Logistik-Knowhow

Fachwissen im Logistik- und Supply Chain Management sowie das Verständnis für wirtschaftlich betriebene Liefer- und Wertschöpfungsketten ist von elementarer Bedeutung, aber alleine nicht genug. Deshalb haben wir in der Vergangenheit beispielsweise so viel von Apple und Google gehört. Neben ausreichend IT-Verständnis weisen diese Unternehmen vor allem ein Gespür für Schnelllebigkeit, Kundenanforderungen und die richtigen digitalen Möglichkeiten auf. So könnte Apple durch diese doppelte Kompetenz noch zum Herausforderer der neuen Automobilindustrie werden (wenn auch vielleicht nicht im Hardwaregeschäft), während Amazon als weiterer Top-Player in der IT-Liga in die Liste der großen Logistikunternehmen aufgenommen wird. Damit Innovationen und neue digitale Technologien entwickelt und erfolgreich eingesetzt werden können, müssen innerhalb der Organisation aber zunächst die Weichen gestellt werden: Flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege sind notwendig, damit die Umsetzung von Innovationen in der Industrie nicht mehr bis zu zwei Jahren benötigt, sondern schnell genug vorangetrieben wird, um im internationalen Wettbewerb standhalten zu können.

2) Effizientere Datennutzung auf jeder Ebene

Wir haben bereits angefangen, die zunehmende Datenflut mit Big Data zu erkennen, zu verwalten und zu nutzen. In der Supply Chain ist dies zwingend notwendig, denn es entstehen täglich zahlreiche Bewegungs- und Verkehrsdaten: beim Einkauf, im Vertrieb, in der Produktion, der Distribution und im Lager. Doch werden sie noch lange überall nicht effizient genug genutzt. Dabei regieren Daten bekanntlich die neue Welt. Wo Kundenbetreuung und Kundenakquise betrieben wird, sind die Unternehmen in Sachen Datenmanagement schon gut aufgestellt, der Einsatz von Customer-Relationship-Management (CRM) und ERP-Systemen ist gängig. Doch wächst nun auch das Bedürfnis nach perfektionierten Auswertungstools: „Business Intelligence“ rückt auch 2017 noch stärker in den Vordergrund und soll geschäftsleitungsrelevante Kennzahlen mit einem Klick generieren. Innerhalb des eigenen Netzwerks und der internen Lieferkette sehe ich den Trend in der detaillierteren Datennutzung tief in der Supply Chain verankerter Prozesse: die Automatisierung von gängigen Lieferantenbestellungen, die zunehmend VR-getriebene Erfassung von Bewegungsdaten und Zusammenführung von Lieferanten und Partnern auf der eigenen Planungsplattform. Nur wer Daten teilt, kann auch von besseren Ergebnissen profitieren.

3) Mut zur (digitalen) Veränderung

Der Online-Handel hat sich 2016 flächendeckend ausgebreitet und etabliert. Fast alle Märkte sind damit in die virtuelle Welt gerückt. Wer keine virtuelle Ladentheke hat oder baut, verliert auf lange Sicht seine Kunden. Für diese Entwicklung sind deshalb auch IT-Experten, die „Digital Natives“ und „Data Scientists“ von hoher Bedeutung. Und das nicht nur im klassischen Online-Handel Geschäft. Auch im industriellen Mittelstand oder dem Großhandel müssen IT-Verantwortliche die digitalen Transformationsmöglichkeiten für ihre Unternehmen mitgestalten. Die Voraussetzung dafür sind Offenheit und Mut zu disruptiven, manchmal paradox klingenden Ideen und Veränderungen innerhalb der Supply Chain – vor allem seitens der Führungskräfte. Denn oft findet man in der Branche noch starre Prozesse mit wenig Mut zum Risiko. Diese - überspitzt gesagt – „deutsche Sorgfalt“ legt Innovationsförderung in Ketten und verhindert eine Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten des Wandels.

4) Vom Ende der Lieferkette beginnend

Nicht nur die angestrebte Produktion in Losgröße Eins, sondern auch Serienfertigung und Handel sind 2017 noch drastischer vom Ende der Wertschöpfungskette – also vom Kunden – getrieben. Damit einher geht auch die laut der diesjährigen Trendumfrage der Bundesvereinigung Logistik (BVL) zunehmende „Komplexität“. Starre, alte Prozesse, bei der die Produktionsmaschine noch den Takt angegeben hat, sind nicht mehr zielführend. Die Zukunft in der Branche wird unter anderem vernetzt und skalierbar sein. Das bedeutet, dass die Lieferketten vollständig kommunizieren und technologische Lösungskonzepte auch für den Mittelstand erschwinglich werden. Diese Ansätze sollen branchenweit die Beherrschung von Komplexität mit gleichzeitig verstärkter Marktorientierung ermöglichen.

Fazit

Das neue Jahr hat begonnen und wir sind gespannt, welche unerwarteten und innovativen Entwicklungen in Industrie, Handel und IT uns überraschen. Für die Wettbewerbsfähigkeit im digitalen und industriellen Wandel müssen diese Bereiche verknüpft sein. Dafür sind digitale Experten und Fachkräfte zwingend notwendig, ergänzt um intelligente Softwaresysteme. Nur so ist es möglich, die Datenflut zu priorisieren, wichtige Informationen effizient zu nutzen, die menschliche Kompetenz an der richtigen Stelle einzusetzen und damit die wachsende Komplexität innerhalb der Supply Chain beherrschbar zu machen. Das alles steht im Sinne der Kundenzufriedenheit und dient damit dem höchsten Ziel.

Welche Innovationen und Trends erwarten Sie in diesem Jahr?

 

 

 



Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Erfolgreiche Bestandsoptimierung im Handel

Lesen

„Schlaue“ Software und innovative Ideen für die Handelslogistik von morgen

Lesen

Produktionsplanung - Drei Gründe, warum Ihr ERP-System nicht genügt

Lesen

Über den Autor

  • Ludger Schuh

    Ludger Schuh († 19.06.2017) war Mitglied der Geschäftsleitung bei der INFORM GmbH. Von 1993 - 2016 war er verantwortlich für die Produkte aus dem Bereich Inventory and Supply Chain. Im Januar 2017 hat er die Aufgaben des zweiten Geschäftsführers der INFORM GmbH übernommen.

    Alle Beiträge dieses Autors

Unsere Autoren

Finden Sie alle unsere Autoren auf einen Blick!

Alle Autoren

Nach oben