Wenn die Nacht zum Tag wird: Nachtarbeit in Wechselschicht

von Dr. Jörg Herbers

Für die einen ist sie eine attraktive Einnahmequelle. Für die anderen ist sie eine große Belastung, körperlich, psychisch und organisatorisch: Nachtarbeit. Der Anteil der Erwerbstätigen, die regelmäßig nachts arbeiten, lag 2014 in Deutschland bei knapp 9 % (ca. 3,7 Mio.) (Statistisches Bundesamt). Von den in Wechselschicht arbeitenden Beschäftigten leisteten 2016 mehr als die Hälfte Nachtarbeit (Arbeitszeitreport Deutschland).

Viele Maschinen arbeiten rund um die Uhr und müssen permanent ausgelastet werden, um möglichst preiswert zu produzieren. Immer mehr Menschen müssen 24 Stunden am Tag versorgt, bedient und gepflegt werden. Daher ist in vielen Unternehmen Nachtarbeit unumgänglich und selbstverständlich.

Schädlich für die Gesundheit

Doch sie verlangt den Mitarbeitern viel ab, auch privat. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, nachts zu arbeiten, zumindest nicht dauerhaft. Nachts zu arbeiten bedeutet, gegen seinen Biorhythmus zu arbeiten und Einbußen im sozialen Leben hinnehmen zu müssen. Das merken die meisten Schichtarbeiter deutlich.

Den Biorhythmus kurzfristig problemlos von Tag- auf Nachtbetrieb umzustellen, gelingt den Wenigsten. Die Meisten leiden unter Schlafmangel. Nicht nur während der Phasen, in denen sie nachts arbeiten, auch in den Tagen danach, während ihr Körper sich wieder umstellt - möglichst schnell, bevor wieder die nächste Nachtschicht ansteht.

Eine BIBB/BAuA Erwerbstätigenbefragung ergab 2012, dass knapp die Hälfte aller Befragten in den letzten 12 Monaten schlafgestört war. Weitere typische Symptome der Nachtarbeit sind Appetit- und Verdauungsstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden sowie psychovegetative Beeinträchtigungen. Die hohe körperliche Belastung zeigt sich auch darin, dass das Unfallrisiko in der Nachtschicht um 30% steigt.

Im Laufe der Zeit entwickelt jeder Betroffene seine eigene Strategie, wie er die Stunden in der Nacht am besten meistert, und dabei auch noch gute Arbeit leistet. Zu den erprobten Mitteln gehören leider auch auf Dauer schädliche wie die Reduktion der Schlafmenge oder der Konsum von Aufputsch- und Schlafmitteln. Oft zeigen sich Spätfolgen erst nach Jahren. Statistisch gesehen treten körperliche Beeinträchtigungen durch Schicht- und Nachtarbeit erst nach etwa 15 bis 20 Jahren auf.

Schädlich auch für das soziale Leben

Die körperliche Belastung ist nur ein Teil. Hinzu kommt das Bedürfnis allen Bereichen des Lebens gerecht zu werden: Arbeit, Familie, Freunden und Freizeit. Das ist auch ohne Nachtschichten für viele Schichtarbeiter nicht einfach. Für Menschen, die immer wieder auch nachts arbeiten, bedeutet es einen noch größeren Einschnitt ins Privatleben.

Das soziale Umfeld lebt meist ein anderes, arbeitszeitlich "geregelteres" Leben. Zeit außerhalb der Arbeit genau dann zu haben, wenn es bei den meisten Freunden und beim Partner auch der Fall ist, macht vieles einfacher. Wer wach ist, wenn die für ihn wichtigsten Menschen schlafen, verschläft vieles, was er gerne mitmachen würde. Im schlimmsten Fall kann Nachtarbeit zur sozialen Isolation führen.

Auch Partnerschaften und die Familie sind betroffen. Schließlich muss Rücksicht genommen werden, wenn der Partner, der Vater oder die Mutter schläft, während in der häuslichen Umgebung jeder seinen Bedürfnissen nachgehen möchte. Leben Kinder im Haushalt, kann die Belastung für alle Familien­mitglie­der enorm sein, gerade mit kleinen Kindern. Auch ohne Kinder sind viele Partnerschaften beeinträchtigt, wenn beide Partner Nachtarbeit in Wechselschicht leisten. Dann ist die gemeinsame Zeit oft zu knapp.

Unternehmen tragen Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter

Unternehmen können viel dazu beitragen, die negativen Auswirkungen von Nachtarbeit zu reduzieren. Mitarbeiter sollten höchstens 2-3 Nachtschichten am Stück arbeiten. Danach sollte eine ausreichend lange Ruhephase sein, mindestens 48 Stunden bis zum nächsten Schichtbeginn.

Früher wurde empfohlen, viele Nachtschichten in Folge zu arbeiten, damit der Biorhythmus sich umstellt. Heute weiß man es besser, gerade das Umstellen des Rhythmus sollte vermieden werden. Für den Körper ist genau das die größte Belastung. Deshalb werden heute kurze Nachtschichtblöcke empfohlen.

Damit kommen die meisten Menschen besser zurecht. Natürlich gibt es Ausnahmen: Menschen, die gerne sogar ausschließlich nachts arbeiten möchten. In manchen Unternehmen ist das gestattet, viele lehnen es wegen des hohen Risikos gesundheitlicher Spätfolgen aber ab.

Das deutsche Arbeitszeitgesetz verpflichtet die Unternehmen in § 6 Absatz 1 dazu, die "... Arbeitszeit der Nacht- und Schichtarbeitnehmer ... nach den gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschengerechte Gestaltung der Arbeit festzulegen."

Dahinter steht die Fürsorgepflicht der Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern. Wer Nachtarbeit in Wechselschicht oder an mindestens 48 Tagen im Kalenderjahr leistet, gilt als Nachtarbeitnehmer. Er unterliegt einem besonderen, gesetzlich verankerten Gesundheitsschutz. Aus gutem Grund: Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Gestaltung von Nachtarbeit wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Mitarbeiter aus. Und davon profitiert letztendlich auch die Produktivität der Unternehmen.

Besondere Beachtung verdient der Umgang mit älteren Mitarbeitern. Mit zunehmendem Alter verstärkt sich die Belastung durch Nachtarbeit. Das volle Ausmaß zeigt sich oft erst, wenn der Ruhestand längst da ist.

Nachtarbeit mit Workforce Management Software optimal einplanen

Voraussetzung, um für alle Beteiligten die bestmögliche Lösung zu finden, sind zwei Dinge: Erstens muss im Unternehmen das Wissen vorhanden sein, wie Nachtarbeit am besten gestaltet wird. Zweitens muss sichergestellt sein, dass die Erkenntnisse auch aktiv in der Dienstplanung umgesetzt werden. Das geht ab einer bestimmten Größenordnung und Komplexität nur mit geeigneter Software. Die sollte dann auch in der Lage sein, die individuellen Wünsche der Mitarbeiter in Bezug auf die zeitliche Lage der Nachtarbeit und der freien Tage zu berücksichtigen.

So gelingt es, die sozialen Bedürfnisse von Nachtarbeitnehmern in die Dienstplanung aufzunehmen. Nachtarbeit muss sein, aber sie braucht nicht zu Lasten der Gesundheit gehen, wenn einige wichtige Grundsätze beachtet werden.

Wie geht Ihr Unternehmen mit Nachtarbeit um?



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Über den Autor

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    Jörg Herbers ist Leiter des Geschäftsbereichs Workforce Management bei der Inform GmbH. Seine Themenschwerpunkte sind Personaleinsatzplanung und Optimierung.

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