Wie Decision Fatigue mithilfe intelligenter Software überwunden werden kann

von David Stolzenberger
(c) francescoch - gettyimages.com
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In einem bestimmten Lebensbereich können einzelne Entscheidungen schwerwiegende individuelle Konsequenzen haben: vor Gericht. Und dass diese Entscheidungen nicht immer vollständig nachvollziehbar sind, illustriert folgendes Beispiel: Drei Angeklagten in den USA, die ihre Strafe zu zwei Dritteln verbüßt haben, erhielten ihre Urteile zu unterschiedlichen Tageszeiten:

  1. Angeklagte (Verhandlung um 8:50 Uhr), 30-monatige Haftstrafe wegen Betrugs.
  2. Angeklagte (Verhandlung um 15:10 Uhr), 16-monatige Haftstrafe wegen Körperverletzung.
  3. Angeklagte (Verhandlung um 16:25 Uhr), 30-monatige Haftstrafe wegen Betrugs.

Was glauben Sie, wie fielen die Urteile des Richters aus?

Der erste Angeklagte erhielt Bewährung. Dem zweiten sowie dem dritten (mit der gleichen Haftstrafe wie der des ersten Angeklagten), wurde die Bewährung verweigert. Es zeigte sich ein Muster, demnach sich Entscheidungen nicht auf den ethnischen Hintergrund, die Verbrechen oder die Urteile der Männer bezogen, sondern auf die Verhandlungszeiten zurückzuführen waren. Forscher fanden heraus, dass Angeklagten, die morgens ihre Gerichtsverhandlung hatten, in 70% der Fälle Bewährung erhielten, während diejenigen, die spät am Tag erschienen, in weniger als 10% der Fälle begnadigt wurden.

Entscheidungen begleiten uns in jedem Moment unseres Lebens. Pro Tag müssen Menschen bewusst oder unbewusst rund 20.000 Entscheidungen treffen. Diese reichen von kleinen Entscheidungen, wie „Welche Socken ziehe ich heute an?“ bis hin zu großen wie „Soll ich einen Kredit zu diesem Zinssatz abschließen?“ Doch egal wie eine Entscheidung aussieht, wir müssen sie in der Regel selbst treffen! Es ist ein Privileg, selbständig Entscheidungen treffen zu können.

Doch was ist, wenn wir zu viele Entscheidungen treffen müssen? Und wie kann uns intelligente Software dabei unterstützen?

Entscheidungsmüde: Das Phänomen Decision Fatigue

Decision Fatigue – Entscheidungsmüdigkeit gibt eine Antwort darauf, was passiert, wenn zu viele Entscheidungen auf uns einprasseln. Je mehr Entscheidungen wir treffen müssen, desto schwieriger wird es für uns, eine zusätzliche Entscheidung treffen zu können. Decision Fatigue ist ein mentaler Erschöpfungszustand, der nach einer Zeit von aufeinanderfolgenden Entscheidungen auftritt. Man fühlt sich ermüdet, da der mentale Energiespeicher aufgebraucht ist. Die Folge: impulsive oder irrationale Entscheidungen.

Was eine rationale bzw. wohlwollende Entscheidung bei Gerichtsverfahren ist, ist relativ. Im Beispiel der Urteile in den USA sehen wir: Die Entscheidungen am Morgen – wo noch nicht viele Entscheidungen gefällt werden mussten – fallen „besser“ aus als die am Nachmittag. Demnach macht es den Anschein, dass keine Bewährung die einfachere Entscheidung darstellt. Ein gutes Beispiel für Decision Fatigue, wo die zeitliche Aufeinanderfolge von Entscheidungen den Grund für den Beschluss, keine oder die einfachere Entscheidung zu treffen, darstellt.

Wie erkennt man Entscheidungsmüdigkeit? Und mit welchen Tipps kann man persönlich Decision Fatigue umgehen?

Anzeichen und Hilfestellungen

Ein erstes Anzeichen kann schwindende Konzentrationsfähigkeit sein. Personen, die unter Entscheidungsmüdigkeit leiden, neigen zu einem bewussten oder unbewussten Vermeidungsverhalten und Untätigkeit. Sie prokrastinieren und es äußert sich ein Gefühl der Überwältigung. Körperliche Symptome können Kopfschmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen sein. Zu guter Letzt gehört ein langer Entscheidungsprozess zu Symptomen von Decision Fatigue.

Was kann man gegen Entscheidungsmüdigkeit tun? Weniger Entscheidungen treffen!

Insgesamt sollte man versuchen, sich auf drei bis vier große Entscheidungen pro Tag zu beschränken und diese am besten vormittags treffen, da unser Energiespeicher dort noch nicht so stark beansprucht wurde. Ebenso ist es ratsam, wichtige Meetings in den Vormittag und Routinetätigkeiten wie zum Beispiel „Mails beantworten“ in den Nachmittag zu legen. Durch generelle Routine im Alltag, wie feste Zeiten für Sport, Kochen etc., werden ebenfalls viele Entscheidungen aufgelöst. Bei großen Entscheidungen kann die Meinung einer weiteren vertrauten Person sehr hilfreich sein. Wir können so unsere Entscheidungen besser nachvollziehen und vertreten.

Es gibt auch Möglichkeiten, die über die persönlichen Anpassungen hinaus gehen:
Intelligente Software.

Intelligente Software als Basisstütze bei Entscheidungen

Auch in Unternehmen müssen viele Entscheidungen getroffen werden. Es gibt sogar Jobs, in welchen die Hauptaufgabe darin besteht, Entscheidungen zu treffen. Es ist daher keine Überraschung, dass auch im unternehmerischen Umfeld Decision Fatigue zum Alltag gehört.

Hilfestellung bietet intelligente Software, die für Entscheidungsfindung- und Optimierung programmiert wurde und mithilfe von Machine-Learning und Operations-Research arbeitet.

Am Beispiel des Großhandelsunternehmens NORDWEST Handel AG wird deutlich, welche positiven Auswirkungen die Einführung einer intelligenten Software für das Bestandsmanagement haben kann. Vor der Einführung war ein Bestandsmanager für die Disposition von etwa 4.500 Artikel verantwortlich. Das heißt eben auch, dass diese Person ebenso viele Entscheidungen treffen musste (und das zusätzlich zu den anfallenden privaten Entscheidungen). In solchen Fällen agierten Bestandsmanager bzw. Disponenten nur noch als Bestellauslöser. Zusätzlich mussten sie Aufträge, wie die Bearbeitung von Retouren und das Erfassen von Kundenaufträgen, abwickeln, die eigentlich nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehörten. Die Folge war, dass sie nur zu 25% ihrer eigentlichen Fachtätigkeit nachgehen konnten. Hinzu kommt der enorme Zeitdruck, da zu den 4.500 zu disponierenden Artikeln noch die Entscheidungen für die zusätzlichen Aufträge anfielen.

Die Idee hinter einer intelligenten Software zur Entscheidungsfindung ist es, nicht mehr selbst alles entscheiden zu müssen, sondern einen Großteil die Software übernehmen zu lassen.

Das Stichwort lautet "Management by Exception”. Einfache, regelmäßig wiederkehrende Aufgaben geraten dabei gar nicht auf die Aufgabenliste von Mitarbeitenden, sondern die Software übernimmt diese. Sie erkennt zum Beispiel, wie die künftige Nachfrage eines Artikels sein wird und übernimmt Bestellauslösungen automatisch. Durch die Software als Basis müssen Mitarbeitende nur noch bei Störungen oder in speziellen Ausnahmesituationen eingreifen. Beispielsweise, wenn neue Artikel ins Sortiment aufgenommen werden, bei welchen dem System noch keine fundierten Daten und Erfahrungswerte zugrunde liegen. Bestandsmanager bei NORDWEST können heute dank der Unterstützung des Optimierungstools insgesamt 12.500 Artikel verantworten und sich zu 100% auf ihre Fachtätigkeit konzentrieren.

Der Einsatz von intelligenter Software, die uns in der Entscheidungsfindung unterstützt oder diese sogar selbst übernimmt, schafft Kapazitäten im mentalen Energiespeicher, wodurch sich die Mitarbeitenden ganz auf ihre Fachtätigkeit fokussieren können. Es wird eine neue Art der Arbeitsweise geschaffen, in welcher intelligente Software operative und Routineaufgaben übernimmt und sich der Mensch durch die freigesetzten Kapazitäten auf spezielle strategische Entscheidungen und Ausnahmefälle fokussieren kann.

Mit intelligenter Software kann man also viele Entscheidungen automatisieren und dem Phänomen der Entscheidungsmüdigkeit entgegenwirken. Was eine gute Nachricht z. B. für Disponenten in Unternehmen ist, führt aus offensichtlichen Gründen – vorweg ethischen – leider (noch) nicht zu wirklich fairen Gerichtsprozessen. Richtern bleibt wohl nur die Möglichkeit wenigstens ihre Entscheidungen im privaten an den fraglichen Tagen zu minimieren.

Nutzen Sie schon privat oder beruflich intelligente Software zur Entscheidungsfindung?
Und Gehören einige der oben genannten Tipps schon zur ihrer Tagesroutine?



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Über den Autor

  • David Stolzenberger war zwischen April 2022 und August 2022 im Marketing und im Business Development von INFORM tätig. Er hat sich dabei speziell mit den Themen Vehicle Logistics, Projekt- und Produktmanagement sowie Künstliche Intelligenz beschäftigt.

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