Wir teilen das! Data Sharing mit Blockchain

von Evi Hartmann

Walmart setzt seit letztem Jahr darauf, IBM und Microsoft arbeiten intensiv daran. Alle reden von der hippen Technologie, alle namedroppen um die Wette, kaum eine(r) kann sie in verständlichen Worten erklären. Dabei wäre das dringend nötig, denn die Technologie kann und sollte unsere Welt revolutionieren. Was ist Blockchain?

Blockchain ist Data Sharing auf höchstem Transparenz-, Authentizitäts- und Sicherheitsniveau. Blockchain ist genau das, was das gehackte, gekaperte, verbuggte Internet jetzt und was die von Fake News, Intransparenz und alternativen Fakten in die Irre geführte Welt heute braucht. Denn die Blockchain ist so sicher wie ihr Name suggeriert.

Die Blockchain ist grundehrlich. Sie tut, was ihr etwas sperriger Name verspricht: Die Technologie gibt uns eine Kette von Blocks in die Hand. In den Blöcken sind Daten drin. Daten über Transaktionen: Käufe, Finanzierungen, Dienstleistungen. Diese Daten werden nicht auf einem zentralen Server gespeichert, wo sie im ungünstigen Fall gehackt und manipuliert werden können. Sie werden vielmehr auf einer Art geteilter, gesharter Datenbank gespeichert: verschiedene Blöcke zu einer Kette aufgereiht.

Diese Kette wächst mit jedem Datenblock, der an sie aufgereiht wird. Und jedem Block ist sein vorhergehender zugeordnet. Man kann also nicht mal rasch einen neuen Block zwischen zwei alte reinmogeln: Fälschung wird so gut wie unmöglich. Die Kette kann nicht mehr gelöst, die Daten nicht mehr gelöscht werden. Das macht Datentransfer via Blockchain so unglaublich sicher. Sicherer als alles, was es bisher gab. Immer wenn ein neuer Block eingestellt wird, kriegt er einen Zeitstempel, wird seinem Vorgänger zugeordnet und jeder kann sehen und überprüfen: Stimmt das alles? Es stimmt. Zuverlässig. Sicher. Nahezu unverfälschbar. Für jede anständige Supply Chain ist Blockchain derzeit und künftig der Königsweg zu sicheren Daten.

Deshalb wurde die Technologie 2008 im Zuge der Einführung der digitalen Währung Bitcoin etabliert. Für Finanzdaten ist sie ideal: ultimativ sicher, lückenlos nachverfolgbar. Jeder sieht sofort: Woher kommt das Geld? Für Finanzdaten, deren Richtigkeit und Sicherheit jenseits jeden Zweifels gewährleistet sein muss, ist das entscheidend. Wenn ganz hinten in der Zahlungskette ein Empfänger Geld bekommt, möchte er ganz sicher sein, dass das Geld ganz vorne nicht aus Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel kommt. Kommt uns bekannt vor?

In der Tat. Das Bedürfnis, wissen zu wollen, was man als Endkonsument endkonsumiert, ist in Zeiten unübersehbarer globaler Lieferketten überwältigend. Wir daddeln auf Smartphones herum, deren seltene Erden aus den Blutminen des Kongo stammen – ohne es zu wissen. Wir tragen Kleidung, für die Sklaven schuften müssen – ohne es zu wissen. Wir treiben mit Turnschuhen Lifestyle-Sport, deren Nähte von Kinderhänden stammen – und haben keine Ahnung. Weil hinten in der Supply Chain kaum einer zuverlässig weiß, was vorne passiert. Die Blockchain kann, muss und wird das alles ändern. Zum Besseren. Nur um das noch einmal deutlich zu machen: Blockchain heißt Data Sharing. Und Sharing ist gut.

Denn wer von Nachhaltigkeit redet und dabei Data Sharing verschweigt, macht sich über sich selbst lustig. Das eine ist ohne das andere lediglich modisches Lippenbekenntnis. Ein Beispiel. Wenn ein Pharma-Unternehmen heute, sagen wir, Serum für die Grippeimpfung herstellt, sind bis zur Fertigstellung unzählige Lieferanten daran beteiligt. Die meisten Zutaten bezieht der Hersteller vom europäischen Großhändler. Aus welcher asiatischen Fabrik einige der Grundstoffe via etlichen Zwischenhändlern kommen, weiß oft nicht einmal der Großhändler, geschweige denn der Hersteller. Wenn also die kleine Pharma-Fabrik in Asien ihre Abwässer mangels Kläranlage ins nächste Gewässer kippt und damit Billionen multi-resistenter Keime erzeugt, die glatt die halbe Menschheit ausrotten könnten – dann ist das der Witz der Weltgeschichte: Stell dir vor, die Menschheit rottet sich per Pandemie selber aus und keiner weiß, warum. So dramatisch muss es nicht einmal kommen.

Es reicht schon, dass der Hersteller in Deutschland nicht weiß: Sind die Rohstoffe, die in Asien in die Grundstoffproduktion einfließen, überhaupt nach europäischen Standards zugelassen? Oder nicht? Oder gar gefälscht? Und wir lassen uns damit impfen oder nehmen es als Pille ein. Der Autobau-er im Westen kann auch notfalls ein angeliefertes Getriebe auseinandernehmen, um zu schauen, ob die darin vom Lieferanten eingebauten Zahnräder viel zu weich sind. Das machen die Autobauer auch. Bei vielen Produkten, wie zum Beispiel Lebensmitteln, geht das nicht oder nur sehr begrenzt. Wenn man wissen will, was vorne in der Supply Chain passiert ist, dann ist der Test ganz hinten nur die Notlösung. Die bessere, die richtige Lösung ist: Schick die Daten, die ganz vorne passiert sind, ganz einfach per Beipackzettel mit. Unverfälschbar. Sicher. Per Blockchain. Genau aus diesem Grund arbeitet Walmart mit Blockchain: Um die Sicherheit der Lebensmittelqualität zu gewährleisten. Sagt Walmart. Das ist sehr abstrakt formuliert. Deutlicher wäre: Damit wir endlich wissen, was wir essen! Und jetzt die 100-Millionen- Euro-Frage: Warum sollten wir das bei allen anderen Lebensmittelhändlern nicht wissen dürfen oder sollen? Noch einmal: Data Sharing ist gut.

Der Clou ist: Die meisten Daten sind ja schon vorhanden! Irgendwo ganz vorne in der Supply Chain. Viele Plantagen zum Beispiel verzeichnen gewissenhaft, was sie wann in welcher Menge auf die Banane gespritzt haben. Aber die Daten kommen nie bei mir am Obstregal an. Weil mein Discounter noch keine Blockchain hat. Lieber Discounter – mach mal!

Man könnte sagen: Nur die Blockchain liefert die ultimative Transparenz, die gläserne Supply Chain, wie sie ständig gefordert wird. Bislang wurde sie lediglich gefordert. Jetzt kann sie endlich technologisch realisiert werden. Jede Supply Chain braucht ihre Blockchain. Lassen wir uns T-Shirts drucken mit dem Slogan: Keine Supply Chain ohne Blockchain! Und gehen wir auf die Straße, protestieren.

Nicht mehr nötig: Ende 2015 wollte nur eine Handvoll Unternehmen die Blockchain einführen. Inzwischen hat sich ihre Anzahl annähernd verfünffacht. Der Groschen ist gefallen. Man hört noch nicht einmal den üblichen Einwand der Reichsbedenkenträger: „Was das wieder kostet!“ An Hard- und Software und Mühe, Zeit und Schulung. Denn die Einsparungen sind so offensichtlich und so sehr viel größer als die Kosten, dass niemand, der rechnen kann, auf diesen Einwand käme. Denn Blockchain spart. Massiv.

Blockchain reduziert ganz heftig die Kosten für die Qualitätskontrolle angelieferter Ware: Ich muss längst nicht mehr so viele Getriebe im teuren Labor von gut bezahlten Technikern und Prüfingenieuren zerlegen lassen, um nachzusehen, was drinsteckt, wenn bereits unverfälschbar draufsteht, was drinsteckt. Mit Blockchain haben die Daten zwei Eigenschaften, die sie vorher meist nicht hatten: Sie sind verfügbar und vertrauenswürdig. Deshalb fallen noch viel mehr Kosten weg: Kosten und Zeit für die mühselige Daten-beschaffung – wenn Daten geteilt werden, muss sie sich nicht jede neue Stufe der Wertschöpfungskette neu beschaffen. Gespart werden Kosten der Rechnungsprüfung und der internen Revision: Wenn der Rechnungsbetrag bereits durch die Daten der Blockchain weitgehend geprüft ist, muss das kein Rechnungsprüfer mehr im alten Umfang prüfen.

Vor allem spart die Blockchain die immensen Kosten durch schwarze Schafe in der Lieferkette. Diese kosten, wie wir alle wissen, am meisten: Nacharbeiten, Rückrufe, Shitstorms, teure Entsorgungsaktionen, Marktanteile, stinksaure Kunden, Image- und Umsatzverluste.

Aus all diesen und Dutzenden Gründen mehr ist die Frage nicht, ob Blockchain kommt, sondern lediglich wann und wie schnell welche Unternehmen die Kurve kriegen. Wenn Sie also demnächst wieder die Fachleute von Blockchain schwärmen hören, können Sie mit Fug und Recht zustimmen: Der Hype ist berechtigt. Data Sharing ist richtig. Richtig gut.

 

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Über den Autor

  • Evi Hartmann

    Evi Hartmann ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Mutter von vier Kindern forscht und lehrt an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO für Frauen in Führungspositionen. Sie schreibt den Blog "Welt bewegend".

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