Work-Life-Balance? Wie wirtschaftliche und familiäre Zwänge Arbeits- und Privatleben bestimmen

von Dr. Jörg Herbers

Work-Life-Balance: der Begriff klingt schön. Er klingt nach Harmonie, nach frühem Feierabend und Freizeit. Medien suggerieren, dass man einfach nur Arbeit und Privatleben in Balance bringen muss, um Glückseligkeit zu erreichen. Gerade die jüngeren Generationen, allen voran die viel beschworene „Generation Y“, seien ein Vorreiter für diesen Trend.

Aber wie sieht es in der Realität aus? Aktuell wird viel geschrieben über „Work-Life-Blending“: das Arbeitsleben dringt in das Privatleben ein, teilweise auch umgekehrt. Oder haben Sie noch nie abends Ihre E-Mails gelesen? Dank Mobiltechnologien, Cloud und Digitalisierung ändert sich unser Arbeitsleben. So weit, so gut.

Balanceakt zwischen Lebens- und Selbstverwirklichung

Dabei übersehen wir aber eine „Kleinigkeit“: viele Menschen leben gar nicht in dem Luxus, sich über Work-Life-Balance viele Gedanken machen zu können, und auch Work-Life-Blending gehört vermutlich nicht zu den Top 3 ihrer Alltagssorgen. Ihre Lebenswirklichkeiten sehen anders aus.

Nehmen wir Familien mit Kindern. Nach einer Studie der OECD herrscht in Deutschland aktuell immer noch das klassische Familienbild vor, bei dem der Mann der Hauptverdiener ist. 40% der Frauen arbeiten in Teilzeit mit durchschnittlich 20 Stunden, nur 30% in Vollzeit. Laut der Studie liegt das vor allem an den starren Öffnungszeiten von Schulen, Kindergärten und Kitas.

Noch schlimmer ist es bei Alleinerziehenden. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sind ein Fünftel der Familien in Deutschland sogenannte Ein-Eltern-Familien. In 89% der Fälle sind es die Mütter, welche die Hauptverantwortung für die Kinder übernehmen. 61% dieser Mütter gehen einer Erwerbstätigkeit nach, wovon wiederum 42% in Teilzeit arbeiten. Und: knapp 42% der Alleinerziehenden und ihrer Kinder gelten als arm oder armutsgefährdet. Von den 1,92 Millionen Kindern und Jugendlichen, für die in Deutschland Hartz 4 bezogen wird, lebt die Hälfte in Ein-Eltern-Familien.

Das hat ziemlich wenig damit zu tun, was wir intuitiv mit Work-Life-Balance verbinden. Es sind oft harte organisatorische und wirtschaftliche Zwänge, die Menschen zur (Teilzeit-)Arbeit bewegen. Und es geht nicht nur um Kinderbetreuung. Auch z.B. die Pflege kranker Angehöriger kann ähnliche Zwänge auslösen.

Die Maslowsche Pyramide – ein Zwei-Stufen-Modell

Wir müssen also differenzieren. Hilfreich ist dazu ein Vergleich mit der Maslowschen Bedürfnispyramide, die menschliche Bedürfnisse und Motivationen grob nach „essentiellen“ (auch „Defizit“)-Bedürfnissen und Wachstumsbedürfnissen unterscheidet. Die vier essentiellen Bedürfnisarten müssen befriedigt werden. Das sind physiologische, soziale, Individual- und Sicherheitsbedürfnisse. Erst danach treten Wachstumsbedürfnisse in den Vordergrund: die Selbstverwirklichung.

Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit. So lange eine Arbeitsstelle keine Vereinbarkeit mit privaten Zwängen ermöglicht, wird die Arbeit nicht aufgenommen. Erst wenn der Job den organisatorischen und wirtschaftlichen Randbedingungen gerecht wird, spielt die Frage der Selbstverwirklichung eine maßgebliche Rolle.

Darüber hinaus hat sich die Wirkungsrichtung geändert. Früher wurden Arbeitstätigkeit und Lebensentwürfe an das Arbeitsplatzangebot angepasst – und das hieß normalerweise „Vollzeit“. Das hat die gesellschaftliche Grundnorm mitgeprägt, dass Mütter mit den Kindern zu Hause blieben. Heute ist es umgekehrt: es ist für uns selbstverständlich, dass es Arbeitsplätze geben sollte, die mit dem Privatleben vereinbar sind. Oder um es mit den Worten von Michael Sommer (DGB) zu sagen: „Wir brauchen familiengerechte Jobs statt jobgerechte Familien“.

Wir sollten also aufhören, mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ alles über einen Kamm zu scheren. So lange private Erfordernisse die Fähigkeit zum Arbeiten einschränken, müssen wir eigentlich von „Work-Life-Necessities“ sprechen. Erst wenn der Beruf mit den organisatorischen und wirtschaftlichen Randbedingungen im Einklang ist, können wir Beruf und Privatleben im Sinne einer Selbstverwirklichung in Balance bringen. Die somit entstehende „Maslowsche Arbeitspyramide“ enthält also zwei Stufen! 

Diese Unterscheidung ist z.B. dann nützlich, wenn man betrachtet, wie Unternehmen sich auf die neuen Realitäten einstellen. Dabei ist zunächst nach verschiedenen Arbeitszeitmodellen zu unterscheiden. Welches Unternehmen, das Gleitzeit- oder Vertrauensarbeitszeitmodelle nutzt, würde nicht gegenüber Bewerbern behaupten, dass bei ihm eine gute Work-Life-Balance möglich ist?

Interessanter wird es bei den Work-Life-Necessities: was passiert, wenn Unternehmen und Führungskräfte der harten Realität der familiären Zwänge der Arbeitnehmer ausgesetzt sind? Was passiert, wenn bestimmte Arbeiten zeitkritisch sind, die Kinder des Mitarbeiters aber krank sind? Oder wiederholt die Betreuung ausfällt – man denke nur an die Kitastreiks? Hier wird sichtbar, wie hoch die Stufe zwischen Work-Life-Balance und Work-Life-Necessities ist.

Work-Life-Balance und -Necessities in der Schichtarbeit

Noch interessanter wird es bei Schichtarbeit. Schichtarbeit ist unvermeidlich, wenn die Leistungserbringung zeitkritisch ist. Aktuell arbeiten 15,8% der Erwerbstätigen in Deutschland in Schichtarbeit. Hier werden sowohl Work-Life-Necessities als auch Work-Life-Balance zur Herausforderung. Auf der einen Seite soll (kunden- und arbeitgeberseitig) die Arbeitsleistung zu einem bestimmten Zeitpunkt erbracht werden. Dem gegenüber stehen die Zwänge, aber auch die Selbstverwirklichungsbedürfnisse der Arbeitnehmer.

Ist Schichtarbeit also unvereinbar mit den Work-Life-Necessities und einer guten Work-Life-Balance? Wie gehen Sie in Zeiten des Fachkräftemangels gerade mit den Work-Life-Necessities um? Wir freuen uns, das mit Ihnen auf der Zukunft Personal Süd zu diskutieren!



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Über den Autor

  • Dr. Jörg Herbers

    Jörg Herbers ist Leiter des Geschäftsbereichs Workforce Management bei der Inform GmbH. Seine Themenschwerpunkte sind Personaleinsatzplanung und Optimierung.

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