Zählen bis ins Wochenende – geht Inventur nicht auch anders?

von Kai Keppner

Fast jeder ist schon einmal in seinem Leben mit der Inventur in Berührung bekommen. Besonders beliebt ist sie bei Schülern oder Studenten, da man relativ gutes Geld für verhältnismäßig wenig Aufwand verdienen kann. Aber es gibt auch die andere Seite, nämlich bei den Personen, die dazu gezwungen werden, ihre reguläre Arbeit ruhen zu lassen und ihrem Unternehmen bei diesem meist jährlichen Unterfangen beizustehen. Im Fall einer permanenten Inventur hat so mancher das zweifelhafte Vergnügen in regelmäßigen Abständen zum Zähldienst abkommandiert zu werden. Wie auch immer die persönliche Erfahrung mit der Inventur aussieht, jeder Einzelne kann sicherlich diesen Satz unterschreiben: Es kann sehr, sehr eintönig sein.

Endlose Stunden des Zählens, verzweifelte Versuche Zählfehler zu korrigieren und hoffnungslose Bemühungen, zwischen dunklen Lagerregalen verlorene Artikel mit kryptischen Bezeichnungen ausfindig zu machen, liefern zum guten Schluss nicht unbedingt den Stoff für interessante Gespräche beim Abendessen. Auch Überstunden und Wochenendarbeit, die zu einer typischen Stichtagsinventur dazu gehören, machen die Inventur nicht gerade zur attraktivsten Betätigung.

Für die Unternehmen wird es teuer

Wenn Sie mit ihren persönlichen Erfahrungen der Inventur mit gemischten Gefühlen gegenüber stehen, ist das absolut verständlich. Den Unternehmen geht es allerdings nicht anders. Der gesamte Prozess bindet eine große Menge an personellen Ressourcen (die normalerweise woanders gebraucht werden) und die Tatsache, dass in der Regel das Lager für einige Tage geschlossen werden muss, macht die Inventur zu einer recht kostspieligen Angelegenheit für das Unternehmen.

Einen einzelnen Artikel zu zählen kostet – abhängig davon, ob es sich um ein Handels- oder ein Industrieunternehmen handelt – zwischen 2 € and 10 €. Also kostet die Inventur in einem Lager mit 10.000 verschiedenen Artikeln mindestens 20.000 €, häufig eben noch mehr. Und das jedes Jahr.

In unserer modernen Welt, in der überall drahtloses Internet verfügbar ist und jeder Zweite mit einem Touch-Screen in der Hosentasche herumläuft, erscheint einem der klassische Inventurprozess wie ein Anachronismus. Sicherlich hat sich so mancher schon gefragt (während er zählte: „321, 322, 323…ähm, wo war ich gerade noch!?“): Gibt es nicht eine einfachere und kostengünstigere Methode für die Inventur?

Stichproben statt alles zählen

Die gibt es und sie nennt sich Stichprobeninventur. Mithilfe dieser Methode muss nur eine kleine Zahl von teuren Artikel tatsächlich voll gezählt werden. Alle anderen Artikel werden auf verschiedene Schichten verteilt, aus denen dann Stichproben gezogen werden. Die Ergebnisse der Stichproben werden anschließend jeweils auf die Schichten hochgerechnet. Auf diese Weise müssen nur 5 % bis 15 % der gesamten Artikel gezählt werden. In automatischen Hochregallagern, wo die Bestandsgenauigkeit naturgemäß sehr hoch ist, kann eine spezielle Methode verwendet werden, mit deren Hilfe im besten Fall nur 30 Artikel gezählt werden müssen, unabhängig von der gesamten Lagergröße.

Doch sind Hochrechnungen wirklich so genau? Jeder Mathematiker wird bestätigen, dass die Stichprobeninventur bei der Bewertung großer Zahlen wesentlich genauer ist als jeden Artikel einzeln zählen zu lassen. Mit zunehmender Lagergröße und damit verbundener Personalstärke erhalten beim traditionellen Zählprozess der menschliche Faktor und damit der menschliche Zählfehler immer mehr Gewicht. Hier bestätigt sich die Weisheit: Zu viele Köche verderben den Brei.

Gesetzlich anerkannte Alternative zur Vollinventur

Die Stichprobeninventur ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesetzlich anerkannt (in Deutschland bereits seit 1977) und wird von Wirtschaftsprüfern akzeptiert. Mittlerweile setzen schon hunderte Unternehmen das Verfahren ein, Tendenz steigend. Und je größer die Lager werden, desto wahrscheinlicher trifft man auf die Stichprobeninventur.

Weil weniger Artikel gezählt werden müssen, wird auch weniger Personal für die Inventur benötigt und zudem Schließzeiten des Lagers reduziert, wenn nicht sogar völlig vermieden. Verglichen mit der traditionellen Vollinventur können so die Kosten um 95% reduziert werden.

Manche Dinge kann man aber nicht ändern – einige Artikel müssen dann doch gezählt werden, dafür ist zumindest der Feierabend oder das Wochenende gerettet. Manchmal kann Zählen sogar Spaß machen (ein typisches Inventurproblem im Lebensmittelhandel):

https://www.youtube.com/watch?v=9vgk_Md4DiM

 

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit der Inventur gemacht?



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Über den Autor

  • Kai Keppner

    Kai Keppner arbeitet seit 2008 für die INFORM GmbH und schreibt hauptsächlich zu den Themen Absatzplanung, Bestandsoptimierung und Stichprobeninventur.

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