Nachhaltige Logistik an Flughäfen – geht das?

von Uschi Schulte-Sasse

Der globale Luftfrachtverkehr hat dank gesteigertem E-Commerce einen Boom erlebt. Nach Einschätzung von Experten wird sich dieser Trend fortsetzen. Viele Airlines und Flughäfen haben diese Chance genutzt, um auf die sinkenden Umsätze im Passagierverkehr zu reagieren. Zudem optimierten sie ihre Prozesse und Ressourcen, um Kosten zu sparen. Ein positiver Nebeneffekt: Mehr Nachhaltigkeit. Nicht nur, weil einige staatliche Pandemie-Fördergelder nur unter der Bedingung ausgezahlt wurden, dass sie auch für die Etablierung nachhaltigerer Prozesse genutzt werden, sondern auch, weil optimierte Prozesse beispielsweise CO2-Emissionen reduzieren und dabei auch die Luftqualität im Flughafenumfeld verbessern können.

Wie leistungsstark die Logistik an Flughäfen ist, zeigt sich nicht nur in der Organisation des Personenverkehrs, sondern vor allem im Frachtverkehr. Schon beim Be- und Entladen müssen die Loader die Fracht nach Dringlichkeit vorsortieren. Das Bodenpersonal muss die Fracht zügig ein- und ausladen und dabei beachten, welche Waren unter Zeitdruck transportiert werden müssen. Außerdem braucht es eine gute Transportoptimierung für die Frachtfahrzeuge und die zu transportierende Fracht.

An vielen Stellen in diesem komplexen System von Abläufen kann Nachhaltigkeit gefördert werden. Doch was ist unter diesem Begriff überhaupt zu verstehen?

Die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der UN

Wir verwenden den Begriff Nachhaltigkeit oft im Zusammenhang mit ökologischen Aspekten. Tatsächlich spielen diese im Flugverkehr eine große Rolle. So werden etwa immer mehr kerosinsparende Flugzeuge eingesetzt und bei der gesamten Bodenabfertigung der CO2-Ausstoß immer weiter reduziert. Doch Nachhaltigkeit steht nicht nur für einen besseren ökologischen Fußabdruck, sondern berücksichtigt auch soziale und sogar ökonomische Aspekte. Das zeigt ein Blick auf die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) der Vereinten Nationen.

Im Jahr 2015 verabschiedete der Staatenbund insgesamt 17 Ziele in seiner Agenda 2030. Gemeinsame Aktivitäten sollen für Frieden und Wohlstand, für Menschen und den Planeten, jetzt und in Zukunft sorgen. Eine Initiative, für die sich auch INFORM verstärkt einsetzt.

Ökologische Ziele in der Luftfahrt

Nummer 13 der SDGs widmet sich dem Klimaschutz:

13: Maßnahmen zum Klimaschutz: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen

Im Vergleich zu langen Entwicklungszyklen von nachhaltigem Treibstoff, so genanntem Sustainable Aviation Fuel (SAF), lässt sich dieses Ziel kurzfristig gut in der Bodenabfertigung an Flughäfen erreichen: Jede Fahrt des Passagierbusses oder Schleppfahrzeugs bedeutet CO2-Emissionen, schlechte Luft und Lärm. Durch eine optimierte Tourenplanung jedoch können im Idealfall weniger Fahrzeuge kürzere Strecken fahren. Die Fahrzeuge selbst können mit Elektro- und Hybridantrieben ausgestattet werden.

Die parkenden Flugzeuge schalten heute ihre Hilfstriebwerke (APU – Auxilary Power Unit) zur Stromversorgung am Boden aus und nutzen eine Bodenstromversorgung (GPU – Ground Power Unit) durch mobile Aggregate. Diese werden häufig jedoch noch mit Dieselmotoren betrieben. Eine Umstellung auf Solarstrom ist vielerorts bereits im Gange. Auch die Erzeugung von Solarstrom durch Paneele auf den Flughafendächern wird immer häufiger. Erste kleinere Flughäfen wie Chattanooga (Tennessee/USA) schaffen es sogar, zu 100 Prozent mit reiner Solarenergie betrieben zu werden.

Natürlich entsteht der Großteil des ausgestoßenen CO2 durch das Fliegen selbst. Die Verbrennung von Kerosin verursacht neben dem Treibhausgas CO2 auch zahlreiche weitere Emissionen, die häufig weniger Beachtung finden, jedoch nicht weniger umweltschädlich sind. An der Herstellung alternativer, nachhaltiger Treibstoffe und Antriebstechniken wird bereits lange geforscht, wie etwa an Bio-Kerosin aus Sonne, Luft und Wasser. Doch der Gedanke hinter SAF sieht vor allem die Herstellung von Treibstoffen aus Biomasse vor, zum Beispiel aus Energiepflanzen, Restmüll oder altem Kochöl:

https://www.youtube.com/watch?v=_E5jHIvBXXg

Eine kurzfristige Ablösung des Erdöl-basierten Kerosins ist jedoch nicht zu erwarten, da die Herstellung von Bio-Kerosin in großen Mengen derzeit noch schwierig und die alternativen Treibstoffe damit sehr teuer sind. Für die meisten Fluggesellschaften ist dies daher ein langfristiges Ziel auf ihrer Nachhaltigkeits-Agenda.

Bessere Arbeitsbedingungen und globale Partnerschaften

Über die ökologischen Ziele hinaus können Flughäfen im Rahmen der Sustainable Development Goals auch zu sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeits-Zielen beitragen, so zum Beispiel:

3: Gesundheit und Wohlergehen: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern

Mit der Reduzierung von Transporten am Flughafen wird nicht nur weniger CO2 verursacht, sondern auch die Luftqualität für die Mitarbeiter verbessert und die Lärmbelästigung reduziert, was insgesamt zu einem gesünderen Arbeitsumfeld führt. Darüber hinaus können Geofences und Tempokontrollen in Softwaresystemen Unfälle mit dem Ground Support Equipment (GSE) auf dem Vorfeld verhindern. Auch Software für die Personaleinsatzplanung am Flughafen trägt dazu bei, dass der Schichtbetrieb näher am gesunden menschlichen Biorythmus gewährleistet wird. Zudem können Mitarbeiter ihre Wünsche zur Arbeitszeitgestaltung oder individuellen Schicht- und Urlaubsplanung einbringen.

9: Industrie, Innovation und Infrastruktur: Widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen

Eine Software-gestützte Planung und Optimierung macht Prozesse am Flughafen robuster und verlässlicher. Mit ihrer Hilfe lassen sich Verspätungen verkürzen oder ganz vermeiden. Damit trägt der Luftfrachtverkehr zur Stabilisierung globaler Lieferketten bei. Nimmt der Luftverkehr in vielen Ländern wieder zu, kann eine gute Planung dazu beitragen, den Betrieb kontrolliert und stabil hochzufahren.

17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele: Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben erfüllen

Die Wirksamkeit von nachhaltigem Handeln lässt sich am besten erzielen, wenn möglichst viele Akteure auf breiter Ebene kooperieren. Erst die Summe aller lokalen Maßnahmen wirkt sich global gesehen positiv aus. Wenn beispielsweise eine amerikanische Airline auf Biokerosin umsteigt, profitieren davon alle lokalen Destinationen weltweit, weil dort weniger Emissionen entstehen. Deshalb ist dieses Ziel besonders wichtig. Gleichzeitig braucht es jedoch dafür gesetzliche Rahmenbedingungen und Maßstäbe. Viele Umweltvorschriften versuchen bereits seit Jahren, das Bewusstsein für einen nachhaltigen Passagierverkehr zu schärfen, darunter zum Beispiel:

  • die der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA)
  • der Federal Aviation Administration (FAA)
  • Brancheninitiativen des Airports Council International (ACI)
  • der International Air Transport Association (IATA)

Eine weitere Initiative ist im Rahmen des Fachverbands German Airport Technology and Equipment e.V., die sogenannte „GATE Sustainablity Working Group“, die INFORM seit Kurzem leitet. Es ist ein Zusammenschluss verschiedenster Luftfahrtindustrie Unternehmen, die das Ziel verfolgen, Lösungen für den nachhaltigen Luftverkehr zu entwickeln und voranzutreiben.

Bei all diesen Beispielen, Szenarien und Zahlen wird deutlich: Nachhaltigkeit in der Fracht- und Passagierluftfahrt lässt sich erreichen, aber nur gemeinsam. Es braucht nicht nur politische Entscheidungen und Gesetze, sondern auch den Willen der Akteure vor Ort, sie auch umzusetzen – und auch darüber hinauszugehen. Initiativen, wie die 17 Sustainable Developments Goals bieten eine gute Grundlage für Information, Austausch und Innovation.

Praxisbeispiel: Frankfurter Flughafen

Eine Vorbildfunktion im Bereich Umweltschutz nimmt der Frankfurter Flughafen ein. Bereits seit 1991 nutzt er die Software von INFORM zur Steuerung der Bodenabfertigung. Sie hilft etwa bei der Lokalisierung des GSE, Wartungsunterstützung und zur Erkennung von unautorisiertem GSE-Einsatz. Die Anwendung per Mobile-App hilft dem Flughafenpersonal durch Filterfunktionen und Farbcodierung, einen guten Überblick über alle GSE und deren Status zu erhalten. Durch dieses Zusammenspiel von Transparenz und intelligenter Steuerung durch Algorithmen entsteht auch mehr Nachhaltigkeit. Der Frankfurter Flughafen konnte bei Geräten, Wartungskosten und der Arbeitsbelastung große Einsparungen erzielen. Einem Bericht zufolge hat er seine GPUs von 70 auf 64 Einheiten und die Anzahl der Highloader von 120 auf 118 reduziert, was zu Einsparungen von 770.000 Euro und einer Wartungsersparnis von 70.000 Euro pro Jahr führt. Dadurch sind auch weniger Neuanschaffungen, weniger Treibstoff und manuelle Betriebsstunden nötig.



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Über die Autorin

  • Uschi Schulte-Sasse

    I have been working for INFORM GmbH since 1989 and am now responsible for the aviation division. All my life I followed my passion for aviation and have gained a significant amount of experience from a multitude of projects, customers and partners.

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